Zum Inhalt

Interview mit Markéta Hejkalová

Writer-in-Residence Markéta Hejkalová im Gespräch mit dem Verleger Bernhard Borovansky.

Der Verleger Bernhard Borovansky führte ein Interview mit unserer Q21 Writer-in-Residence Markéta Hejkalová (CZE) die im Rahmen unserer "Central and Eastern Europe" Kooperation mit dem Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres im MuseumsQuartier Wien zu Gast war. Ihr Buch Der Zauberer aus Peking ist bei Braumüller, eines der ältesten privaten Verlagshäuser im deutschsprachigen Raum, erschienen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Übersetzungen aus dem Tschechischen.

 

Wer ist ein typisch tschechischer Autor?

Gute Frage, aber eine Antwort darauf ist nicht einfach. Ist es Jaroslav Hašek oder Bohumil Hrabal? Also sind es die Volkserzähler, die aber nicht nur lustige Geschichten aus den tschechischen Kneipen erzählen, sondern auch über die Absurdität der Welt und des Lebens schreiben? Dies repräsentiert zum Beispiel Emil Hakl. Oder ist Franz Kafka (der auf Deutsch geschrieben hat) ein typisch tschechischer Autor oder Milan Kundera (der auf Französisch schreibt)? Oder muss es Prosa sein, die weit vom Realismus des alltäglichen Lebens stattfindet, die ihre Tiefe hat, Imagination, das Groteske? Der beste Repräsentant dieser Tradition ist für mich Jiří Kratochvil. Oder ist es die „starke Frau“ Božena Němcová? Starke Frauen gibt es in der gegenwärtigen tschechischen Literatur mehrere wie etwa Alena Mornštajnová und Kateřina Tučková. Beide schreiben über Schicksale starker Frauen im Lauf der Geschichte.

 

Was sind die Themen der tschechischen Literatur?

Als Erstes denke ich der Alltag, gegenwärtiges Leben, Probleme, Lieben ... Tschechische Leserinnen und Leser lesen gerne über die Welt, die sie gut kennen. Autorinnen und Autoren, die über das Leben der sogenannten „gewöhnlichen“ Leute schreiben, sind sehr erfolgreich wie zum Beispiel Michal Viewegh.
Ein großes Thema ist auch die Geschichte, die Vergangenheit. Tschechisch-deutsche Beziehungen, Zweiter Weltkrieg, Kommunismus, Kollaboration mit der Macht, geheime Staatspolizei, Freiheit ...
Als drittes Thema sehe ich, den Leserinnen und Lesern ein „Fenster nach Europa aufzumachen“, eigentlich nicht nur nach Europa, sondern in die ganze Welt. Das ist auch mein Thema, meine Bücher spielen oft in fremden Ländern – wie zum Beispiel „Der Zauberer aus Peking“ in China.

© Eva Puella

In welche Sprachen wird tschechische Literatur übersetzt?

Für tschechische Literatur, genauso wie für jede Literatur in den sogenannten kleinen Sprachen, sind Übersetzungen sehr wichtig. Ich habe keine aktuellen Daten zur Verfügung, aber ich denke, die wichtigste „Zielsprache“ ist für uns Deutsch, denn viele tschechischen Autorinnen und Autoren werden ins Deutsche übersetzt. Die Zukunft bringt hoffentlich noch weitere Übersetzungen, da Tschechien in diesem Jahr Gastland der Leipziger Buchmesse ist und Martin Krafl (ehemaliger Direktor des Tschechischen Zentrums in Wien und derzeitiger Direktor der tschechischen Präsentation auf der Leipziger Buchmesse) wirklich bemüht ist, die tschechische Literatur in der deutschsprachigen Welt zu propagieren.
Dann kommt vielleicht Spanisch, Miloš Urban oder Jiří Kratochvil haben zum Beispiel viele Leserinnen und Leser in Spanien. Und auch Polnisch ist wichtig.
Englisch wäre die wichtigste Sprache für Übersetzungen, aber Übersetzungen der tschechischen Autorinnen und Autoren ins Englische sind leider nach wie vor eine Ausnahme.
Es ist interessant, dass es in den Balkanländern viele Übersetzungen der tschechischen Literatur gibt. Für sie ist Prag noch immer das wichtigste Kulturzentrum, wo viele dortige Intellektuelle studierten.
Meine Bücher wurden ins Deutsche (Der Zauberer aus Peking), ins Russische, Englische (das war allerdings Non-Fiction, eine Biografie des bei uns sehr beliebten finnischen Autors Mika Waltari), ins Bulgarische, Serbische und Albanische übersetzt.

© Eva Puella

Welche Autoren wurden ins Deutsche übersetzt?

Ich kenne vor allem die Autoren, die – wie ich – im Braumüller Verlag erschienen sind: Jiří Kratochvil, Emil Hakl, Bianca Bellová, Markéta Pilátová. Zudem ist meiner Meinung nach die Germanistin Radka Denemarková eine sehr beliebte Autorin in Deutschland. Auch die junge Kateřina Tučková wurde jetzt übersetzt. Ich glaube, das hängt viel vom Übersetzer, vom Lektor und vom Verleger ab. Die tschechische Literatur hat Glück, dass es hier in Wien eine ausgezeichnete Kennerin der tschechischen Literatur gib: Dr. Christa Rothmeier, und den ausgezeichneten Braumüller Verlag.

 

Woran arbeiten Sie in Wien?

Mein zweimonatiges Aufenthalt im MuseumsQuartier Wien als Writer-in-Residence hatte zwei Ziele:
Erstens, einen neuen Roman zu schreiben. Zwei Monate sind natürlich viel zu kurz, um einen ganzen Roman zu schreiben, aber ich wollte zumindest damit beginnen. Und ich bin sehr froh, dass ich mein Vorhaben wirklich umsetzen konnte – ich habe bis jetzt 40 Seiten geschrieben. Es ist eine Familiengeschichte aus der Familie meines Mannes. Sein Großvater hat im Jahre 1925 in unserer kleinen Stadt ein Lebensmittelgeschäft gegründet und aus diesem kleinen Laden einen großen Kolonialwaren- und Großhandel mit einer Kaffeerösterei entwickelt, es war das beste und größte Lebensmittelgeschäft der ganzen Stadt. Im Sommer 1947 passierte dann die Tragödie – er hatte einen Unfall. Sein Auto war mit einem Zug zusammengeprallt, der Unfall war seine Schuld. Ihm ist nichts passiert, aber seine Frau und seine 17-jährige Tochter sind bei dem Unfall ums Leben gekommen. Etwa sechs Monate später, im Februar 1948, sind die Kommunisten an die Macht gekommen und haben ihm den Laden weggenommen, „nationalisiert“. Ich schreibe aber keine Biografie, sondern einen Roman.
Das zweite Ziel ist, meinen Roman „Měj mě rád/a“ (Hab mich lieb), der 2017 in Tschechien erschienen ist, zu propagieren, und vielleicht auch einen österreichischen Verleger zu finden. Die Handlung des Romans setzt im Jahre 1902 ein und endet 2017. Im Zentrum stehen vier Personen – zwei wirkliche und zwei fiktive. Die wirklichen sind Lina Heydrich, die Witwe des Nazi-Reichsprotektors Reinhard Heydrich, die in zweiter Ehe mit einem finnischen Theaterdirektor verheiratet war, und der kommunistische Prokurator aus den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts Karel Čížek. Ich gehe der Frage nach: Was hat diese zwei Personen miteinander verbunden? Die Literatur. Lina Heydrichs finnische Schwiegermutter war die berühmte finnische Kinderbuchautorin Anni Swan und auch Karel Čížeks Mutter war eine Schriftstellerin, wenn auch nicht so bekannt wie Anni Swan. Zu diesen beiden wirklichen Personen gibt es zwei fiktive – meine Lieblingscharaktere: Johanna, die in Wien in eine tschechische Familie geboren wurde, nach dem Ersten Weltkrieg einen tschechischen Schriftsteller geheiratet hatte und mit ihm in der Tschechoslowakei lebte. In den Fünfzigerjahren war ihr Mann im Gefängnis ... Die vierte Protagonistin heißt Tereza, ein tschechisches Mädchen, das im ehemaligen Jugoslawien lebte und in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts mit ihrer Familie zurück nach Tschechien kam.
Das waren meine Ziele, aber jetzt habe ich begonnen, auch eine andere, eine „wienerische“ Erzählung zu schreiben.

© Eva Puella

Wie erleben Sie Wien?

Wien war für mich nie nur eine Stadt, es war ein Traum aus der freien Welt. In den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, also in der kommunistischen Tschechoslowakei, lebte ich in Brno (Brünn). Ich wusste, dass Wien sehr nah ist, ich schaute mit meinen Eltern fast jeden Abend Wiener Fernsehen, aber ich wusste auch, dass zwischen Brno und Wien der Eiserne Vorhang ist, und ich glaubte nicht, dass ich Wien einmal mit meinen eigenen Augen sehen kann. Nach der Wende im Jahre 1989 hat sich die Welt zum Glück verändert, und ich bin sehr glücklich und sehr dankbar, dass es den Eisernen Vorhang nicht mehr gibt – und keine Grenzen mehr in Europa.
Ich bin in Wien, um hier zu schreiben, zu arbeiten, aber natürlich interessiert mich auch die Stadt, besonders die tschechischen Spuren hier. Böhmische Köchinnen, die tschechische Gerichte und ihre Namen nach Wien gebracht haben (zum Beispiel Liwanzen). Der bedeutende Architekt Josef Hoffmann aus Brtnice (Pirnitz), das liegt nahe neben meiner Stadt, hat viele Gebäude in Wien entworfen, zum Beispiel die Villa von Alma Mahler und Franz Werfel auf der Hohen Warte, Steinfeldgasse 2. Franz Werfel wurde außerdem in Prag geboren.
Und ich liebe es, in dieser Stadt einfach nur spazieren zu gehen und dem alltäglichen Leben zuzuschauen – in Mariahilf, in der Josefstadt, in der Umgebung von der Servitengasse, wo der Braumüller Verlag ist ... Ich spaziere durch die Straßen und Gassen, setze mich in ein Kaffeehaus, trinke einen großen Schwarzen und schreibe etwas.

 

Welche österreichischen Autorinnen und Autoren sind in Tschechien bekannt?

Ich lese sehr gerne, bin aber keine Expertin, deshalb kann ich nur einige Autorinnen und Autoren nennen, die ich selbst gerne lese. Natürlich die Klassiker: Robert Musil, Hermann Broch, Franz Werfel, Heimito von Doderer. Aus der gegenwärtigen Literatur kenne ich die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, Christine Nöstlinger, Daniel Glattauer, Gerhard Jäger und Josef Haslinger.

Zur Hauptnavigation

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.