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„Wir glauben an die Ökonomie der Instandsetzung“

Feature

„Wir glauben an die Ökonomie der Instandsetzung“

Kulturareale nehmen im 21. Jahrhundert weltweit eine kulturelle und gesellschaftliche Schlüsselrolle ein. Die Publikation „Welt Kultur Areale“ gibt erstmals einen Überblick über dieses Phänomen und zeigt 15 der bedeutendsten Kulturareale auf allen sechs Kontinenten, wie beispielsweise die Alserkal Avenue in Dubai. Hinzu kommen Essays von internationalen Expert*innen wie u.a. Gail Lord, Präsidentin von Lord Cultural Resources, einem der weltweit führenden Planungsbüros für Kulturareale. Im Dialog mit Vilma Jurkute, Executive Director der Alserkal Avenue und seiner Unternehmungen (Alserkal Avenue, Alserkal Arts Foundation und Alserkal Advisory), geht sie der Frage nach, welchen Einfluss Kulturareale auf die Entwicklungen von Städten und Regionen haben.

GL: Ich hatte große Freude beim Besuch des Kulturareals Alserkal. Mich hat die Vielfalt der Angebote beeindruckt. Wie haben Sie diese Vielfalt vor dem Hintergrund Ihres Standorts und des industriellen Umfelds entwickelt?

VJ: Ich bin seit etwa 10 Jahren bei Alserkal. Die Alserkal Avenue begann als Stadtviertel und hat sich zu einem digitalen Ort inklusive einem Beratungsangebot entwickelt - wir sehen uns selbst als einen Prozess, eine Schnittstelle.

GL: Viele Kulturareale schaffen Attraktivität durch Architektur. Ich habe den Eindruck, dass Ihr Ansatz ein anderer war.

VJ: In dieser anthropozänen Welt ist ein Kulturareal mehr als eine bloße Ansammlung von Objekten. Wir glauben an die „Ökonomie der Instandsetzung", was bedeutet, dass man nicht neu baut, sondern die Energie in den bestehenden Strukturen findet und auf ihnen aufbaut.

GL: Wie lässt sich diese Philosophie auf Ihre Arbeit anwenden?

VJ: Wir sind eine Gruppe von Pionieren in allen Bereichen der Kunst, wodurch unsere Organisation ihre eigene polyphone Identität aus verschiedensten Stimmen entwickeln kann. Wir führen jedes Jahr mehr als 500 Veranstaltungen durch, und „Concrete“ (Anm.: ein multidisziplinärer Raum mit musealen Ausstellungsmöglichkeiten) wurde in seiner ursprünglichen Struktur neu erdacht, um die zeitgenössische Architektur zu erhalten.

Gail Lord
President, Lord Cultural Resources

© Lily Markovic

Vilma Jurkute
Executive Director,
Alserkal Avenue, Alserkal Arts Foundation & Alserkal Advisory

© Sueraya Shaheen

GL: Wie haben Sie auf die Pandemie reagiert?

VJ: Während der Pandemie wurden unsere Luxusrestaurants zu Gemeinschaftsküchen und wir begannen, für die Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung zu kochen. Unsere Künstler*innen und Galerien verkauften Drucke, um mehr Geld zu sammeln, damit wir mehr Mahlzeiten zubereiten konnten. Und schließlich führten wir unter der Leitung der Familie Alserkal eine Tauschwirtschaft innerhalb des Viertels ein, deren Gesamtwert sich auf etwa 1 Million Dollar summierte.

GL: Welchen Rat würden Sie Leser*innen geben, die ein Kulturareal gründen wollen?

VJ: Es ist wichtig, ein Leitbild seiner selbst zu haben. Wir passten in keine Schublade, denn wir begannen als Stadtviertel in einem Industriegebiet. Doch dann haben wir uns weiterentwickelt und unsere eigenen Kulturprogramme und -produktionen initiiert, um unsere eigenen Communities zu entwickeln und unsere zahlreichen Zielgruppen zu erreichen. Das führte dazu, dass wir unsere eigene gemeinnützige Kunststiftung gründeten, dann unseren digitalen Raum und im vergangenen Jahr auch einen Beratungsservice einführten. Mit Alserkal Advisory helfen wir Kulturpartnern in der Regierung und im Privatsektor, Initiativen und Ziele im Kulturbereich zu formulieren. Wir verstehen uns immer als eine „sich selbst überarbeitende Organisation“ - als ein Prozess an der Schnittstelle zwischen der Kultur und der Bevölkerung.

Alserkal Avenue, AAF Commission with Tania Ursomarzo

© Alserkal Avenue

The Third Line gallery, Alserkal Avenue

© Alserkal Avenue

Alserkal Arts Foundation spring cycle, practitioner open studios

© Alserkal Avenue

GL: Meiner Erfahrung nach werden Kulturareale geschaffen - nicht geboren. Was ist Ihr Schlüssel zum Erfolg?

VJ: Versuchen Sie, eine bereits bestehende Bewegung oder Dynamik in einem Stadtviertel zu finden, die Sie dann verstärken können. Für mich liegt der Schwerpunkt heute auf der Instandsetzung. Idealerweise sollte man also nicht versuchen, etwas Neues zu bauen, sondern etwas Bestehendes zu erneuern, z. B. die ursprüngliche Identität, die Kreativität und das Gespür für den Ort. Und lassen Sie sich nicht von der gebauten Umgebung vereinnahmen, denn es sind in Wirklichkeit die Menschen und Communities, die den Erfolg ausmachen.

GL: Ich habe das Gefühl, dass Ihr Erfolg auf einem starken Grundwert beruht. Können Sie uns diesen verraten?

VJ: Für mich ist es die Verbindung zum sozialen Wandel.  Das ist keine freiwillige Aufgabe mehr, denn wir leben im Anthropozän.

GL: Vielen Dank, Vilma, für die Einblicke und Anregungen, die du uns gegeben hast. Ich war begeistert, zwei neue Strategien für die Kulturareale der Zukunft kennenzulernen: „Ökonomien der Instandsetzung“ und „sich selbst überarbeitende Organisationen“.

 

Das Buch „Welt Kultur Areale“ ist im MQ Point,
im MQ Webshop, beim Verlag für moderne Kunst
sowie im ausgewählten Buchhandel erhältlich.

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