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Can you swim, Mr Podrecca?

Interview

Can you swim, Mr Podrecca?

Im Impuls-Interview resümiert der italienische Architekt Boris Podrecca den Werdegang der Künstlerin Eva Petrič, die aktuell ihre Installation "Can you swim?" in der MQ Art Box präsentiert und kommt auf die Notwendigkeit von Kunst im öffentlichen Raum zu sprechen.

In ihrer Ausstellung "Can you swim?" in der MQ Art Box hinterfragt die Künstlerin Eva Petrič unsere Fähigkeit zu schwimmen - in einer Welt, in der die Grenzen zwischen verschiedenen Formen unserer Umwelt fließend sind.
Der italienische Architekt Boris Podrecca kennt die slowenische Künstlerin bereits seit ihren künstlerischen Anfängen und resümiert im Impuls-Interview über die Rolle ihrer Werke im öffentlichen Raum sowie über die Grenzen, die ihm dieser in seiner architektonischen Arbeit aufzeigt, über die sich die Kunst einfach hinwegsetzen kann.

Sie kennen Eva Petric seit ihren künstlerischen Anfängen im Jahr 2007 und haben häufig mit ihr über Kunst sowie auch über ihre Projekte speziell diskutiert.

Evas Arbeit ist geprägt durch eine introspektive, autokontextuelle, und weniger durch eine dialogische, vom Ort abhängige Haltung. Dies zeigt auch ihre aktuelle Intervention im Museumsquartier, in der sie Phänomene einer globalen Zeit durchwandert und - wie sie selber sagt - universelle Gesetze der Natur sowohl aus prä- als auch post-humanen Phasen durch Selbstspiegelung thematisiert.

In ihrer aktuellen Installation „Can you swim?“ in der MQ Art Box weist Eva darauf hin, dass es keine echten Grenzen zwischen verschiedenen Arten gibt, keine Grenzen zwischen diversen Formen unserer Umwelt, keine Grenzen zwischen Wasser und Luft, keine Grenzen zwischen Bakterien und Menschen, keine Grenzen zwischen den Menschen. Wir alle bilden Gaia, den lebenden Planeten.

Im Register ihres Werks gibt es diesen Anspruch an Unendlichkeit, an infinity, eine beinahe kosmologische Haltung, die man sowohl in der transparenten und transluziden Kubus-Ummantelung als auch in der textilen Welle des Innenraums wahrnimmt. Wir alle schwimmen wie sie selber imaginiert, in einem Meer von Bakterien, die bereits in den Neugeborenen heranwachsen und wo eine stetige Interaktion zwischen Mikrobion und Immunsystem stattfindet. Mitten in der Diversität von Keimen, Wasser und Luft sind wir.

Seit dem 18. Jahrhundert haben wir Kunst in urbanen Tresoren, Museen, eingesperrt und daher auratisiert. Insofern ist Kunst im öffentlichen Raum eine Befreiung für die zivile Gesellschaft, die Kunst ist unter uns.  In den letzten 30 Jahren ist die Eroberung des Stadtraums durch die Positionierung von Kunst analog zu den klassischen Kulturen Ägyptens, Griechenlands, des römischen Reichs oder Arabiens wiedererwacht. Michelangelo hat seine besten Arbeiten im öffentlichen Raum platziert. Duchamp hat seine Venus verpackt und zur Schau gestellt, ohne dass jemand außer ihm wusste, was die textile Verhüllung verbirgt. Im Gegensatz dazu hat Christo den Arc de Triomphe, den alle vor der Verhüllung kannten, ummantelt – geheimnislos. Man sieht an diesem Beispiel die Spannweite eines analogen Themas.

Von links nach rechts: Klaus Krobath (Kurator), Eva Petrič (Künstlerin), Boris Podrecca (Interviewpartner)

©Kevin Grabowski

Auch "Can you swim?" wird in einem verglasten Kunstraum ausgestellt, mittendrin im urbanen Geschehen.

Die Pandemie hat jedoch die Unbesonnenheit und Unverbindlichkeit unserer Sozietät durcheinandergebracht. Die Überlebensstrategien einer Ellenbogen-Gesellschaft wurden ausgehebelt, im Bewusstsein dieses liquiden Zustands ist die Richtung trotzdem vage und ohne Ziel, aber durchaus poetisierbar.

Aus diesem Grund stellt sich auch die Frage, ob Kunst die Funktion hat, den Menschen Hoffnung zu geben oder, ob sie überwiegend das Fehlverhalten in der Gesellschaft aufdecken soll.

Die Koppelung des Begriffs Hoffnung mit der Definition von Kunst ist mir allzu eschatologisch, oder anders: Das Verhältnis von Kunst zu geistiger Hygiene war immer zweideutig. Die Grenzen der Kunst zwischen Störung und Aufbau haben sich relativiert und spiegeln sich in den jeweiligen Interventionen im öffentlichen Raum. Eva Petričs Corona Rose, ist zugegebenermaßen ein Requisit der Hoffnung, wird aber in einem apokalyptischen Raum durchgewirbelt.

Und welche Absicht verfolgt die Ausstellung von "Can you swim?" im MQ?

Das Museumsquartier ist als Generator und Vermittler von verschiedenartig angelegter Kunst für die breite Öffentlichkeit und insbesondere für die jüngere Generation in vielerlei Hinsicht ein Unikat im ganzen mitteleuropäischen Raum. Als ein virulentes Podium der Begegnung schafft es das Museumsquartier, die Kunst an die Öffentlichkeit und Öffentlichkeit zur Kunst zu bringen. Eva Petričs Arbeiten erfüllen beide Absichten. Heute aber treibt die Informationsüberflutung, die disconnected views, vor uns das Halb- oder Sekundärwissen her, wie George Steiner uns vor Augen hält.
Die Erbringung von Dienstleistungen, die Erledigung von Finanzgeschäften, von Leistungsfähigkeit, Rationalität und deren Totalitätsanspruch wird durch Kunst im öffentlichen Raum relativiert und durch Verfremdung und Anachronismus, ja sogar Anarchie, wird die Topoisierung der Stadttextur bereichert.

Ich als Architekt kann nicht so weit gehen, mir sind pragmatischere Limits gesetzt – Ortskontextualität, spezifisches Platzrelief, Materialität der Platztextur, Rigole, Mobilität, Begrünung, Beleuchtung, Wasser etc.
Die erweiterte, narrative Handlung auf dem Tableau der Öffentlichkeit obliegt dann der Kunst. Dabei sieht man die Vielfalt der Kategorisierungen wie urbane Kollisionen, Multilokalität, performative Prozesse, Protestchoreografie oder wie bei Eva Petrič ihre reflexiven Implantate. Die Frage ist, ob deren Verträglichkeit mit dem offenen Raum die beabsichtigte Botschaft verdeutlicht, wobei der Betrachter immer souverän bleibt. 

©Alexander Eugen Koller

Bei Eva Petričs Projekt "Can you swim?" ist das allemal gegeben.

Mit ihrer kreativen Intensität und ihrer Besessenheit fordert sie uns auf, mit ihr durch ihre Welt zu schwimmen. Doch ihr würde ich das Rückenschwimmen empfehlen, wo Atmen und Bewegung gleichzeitig im Akkord stattfinden und man den Horizont stetig unter Kontrolle hat.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Ann Cathrin Frank.
 

Für weitere Arbeiten sammelt Eva Petrič Schnüre. Spenden nimmt sie jederzeit gerne entgegegen und bittet um Kontaktaufnahme via evapetric@hotmail.com .

Über Eva Petrič:
Geboren in Slowenien (1983), lebt und arbeitet sie zwischen New York City, Wien und Ljubljana. Sie beschäftigt sich mit den Medien Fotografie, Video, Performance, Installation, Sound und Literatur. In den USA wird Eva von der Galerie Mourlot, New York, vertreten. Sie hat einen BA in Psychologie und Kunst sowie einen Master of Fine Arts. Ihre Arbeiten wurden weltweit in über 70 Einzel- und 118 Gruppenausstellungen gezeigt und erhielt zahlreiche Anerkennungen und Preise.
Schon vor der aktuellen Pandemie wählte Eva Petrič oft öffentliche Räume anstelle von Galerien, um ihre Kunst zu präsentieren. Diese reichten von Kirchen (Stephansdom in Wien, St. John the Divine Cathedral in New York City) über Einkaufszentren (Centro Cultural Borges in Buenos Aires) bis hin zu U-Bahn-Stationen (Karlsplatz und Schottentor in Wien) und unterirdischen Höhlen (Postojna-Höhlen in Slowenien). Aktuell, in direktem Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie, verbreitet ihre Corona-Rose seit Oktober 2020 Hoffnung von der Mauer des Stephansdoms.

©Alexander Eugen Koller

©Alexander Eugen Koller

©Alexander Eugen Koller

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