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Interview mit Ivana Myšková

Writer-in-Residence
Ivana Myšková:
Und so singe und schreibe ich hier.

Interview mit Ivana Myšková.
Michaela Dermauw | 11.2.2021 | Interview
Deutsche Übersetzung: Nella Nitrová


Michaela Dermauw: Seit Mitte Januar dieses Jahres verbringen Sie Ihre Zeit in Wien als Writer-in-Residence des Q21. Wie ist Ihr Leben hier?

Ivana Myšková: Wien ist überwältigend und gleichzeitig einladend. Dank der gemeinsamen Geschichte, auf die ein Tscheche bei jedem Schritt stößt, ist es mir, denke ich, ziemlich schnell gelungen, mich einzuleben. Obwohl ich mich in den ersten Tagen an die breiten Boulevards und Museen, die dreimal größer als das Prager Nationalmuseum sind, gewöhnen musste… Auch die Konzentration all der repräsentativen Gebäude im MuseumsQuartier ist für Prag untypisch. Wenn Sie durch Wien spazieren und an die imperiale Vergangenheit von Österreich-Ungarn zurückdenken, sehnen Sie sich ab und zu nach etwas ganz Kleinem. Nach einem Häuschen. Nach etwas Pittoreskem. Aber auch solche Orte gibt es hier. Zum Beispiel gleich beim MuseumsQuartier habe ich wunderschöne kleine Barockgassen entdeckt. Oder die mysteriösen langen Passagen – eine solche führt von der Mariahilferstraße durch ein Haus mit einem goldenen Hirsch über dem Eingang. Ich habe solche Orte gesucht, die meine Zuneigung gewinnen könnten und zu denen ich vielleicht meinen Ehemann führen könnte. Zum Beispiel zum pittoresken Michaeler Durchgang neben der Michaelerkirche, der natürlich nicht so pittoresk wäre, wenn Touristen-Massen durch ihn strömen würden. Nun gehört Wien allerdings – so scheint es – wieder für eine Zeit lang sich selbst und seinen Einwohnern.

Und wie geht es Ihnen beim Schreiben im MuseumsQuartier?

Ich habe festgestellt, dass ich für meine Arbeit viel Licht, einen großen Tisch und wahrscheinlich auch einen leichten Straßentrubel brauche – dies habe ich zu Hause in Prag nicht. Wir wohnen im Stadtteil Žižkov in einem Zinshaus, in einer Wohnung etwa halb so groß, die Fenster zeigen nach Norden, also ist es dort ziemlich dunkel. Und es ist auch sehr still, weil unsere Fenster zum Hof führen. Hier kann ich auch deswegen gut arbeiten, weil ich neben dem Bett einen Nachttisch habe. Es wirkt wie eine gewöhnliche Sache, aber zu Hause haben wir keine Nachttische, denn wir schlafen auf einem Hochbett, um Platz zu sparen. Aber wenn man gerade beim Schreiben ist, gelingt es nicht, das Schreiben auszuschalten, nicht mal vor dem Schlafen. Man legt sich hin, macht das Licht aus, und nach einer Weile macht man das Licht wieder an und muss mit dem Schreiben weitermachen oder zumindest eine Notiz machen. Und dann wieder von vorn. Doch auf einem Hochbett überlegt man, ob man das Licht anmacht und den Mann weckt, und ob man die Leiter nach unten klettert, dann wieder nach oben, und wieder nach unten, nach oben, und so weiter, bis die Ideen ausgehen. Wie viel hätte ich schon schreiben können, hätte ich so einen Nachttisch neben meinem Bett gehabt! Ein weiterer vorteilhafter Faktor ist der freie Raum. In meinem Studio gibt es eine hohe Decke und ein großes Echo. Also singe ich hier auch öfter. Das Singen passt gut zum Schreiben. Und so singe und schreibe ich hier.

Im Rahmen des Residenz-Aufenthalts setzten Sie das Schreiben Ihres neuen Romans Otálení (dt. Zaudern) fort. In Buchform wurde Ihnen bisher der Roman Nícení (dt. Entflammen) veröffentlicht, dessen großes Thema eine komplizierte Beziehung zwischen einer Mutter und einer Tochter ist, und das Erzählungsbuch Bílá zvířata jsou velmi často hluchá (dt. Weiße Tiere sind nicht selten taub), das dem Leser eine Reihe von tragikomischen Geschichten über gewöhnliche Menschen bietet, die ihre Träume und Abweichungen haben, die sich nach Verständnis und Akzeptanz sehnen. Verraten Sie mir bitte, in welche Richtung sich Ihr neuer Roman begibt und ob wir beim Lesen lachen werden.

Ich hoffe, Sie werden lachen. Ich möchte, dass mein neuer Roman eine Synthese und gleichzeitig auch eine Überschreitung der beiden Bücher ist. Im Roman Otálení fokussiere ich mich mehr als in meinen Erzählungen auf die Sprache, in der das Buch geschrieben ist. Mir geht es um Eigenart, Eigentümlichkeit und eine interessante Komposition. Im Werk Nícení war die Komposition fragmentarisch, ich habe sie erst am Ende aus Texten geschaffen, die meistens nicht mehr als eine Seite hatten. Jetzt versuche ich nach Kapiteln zu schreiben, nach einem Plan, gleichzeitig wechsle ich einzelne Handlungslinien. Die Ausgangskomposition sollte mäandern. Es geht nämlich auch um Mäander. Der Roman wird zum Teil environmental, zum Teil symbolisch. Eine Ebene stellt der Fluss dar, seine Schiffbarkeit, wie wir ihn an freier Bewegung hindern und er dann aus dem künstlichen Flussbett heraustritt, dass wir ihm aufzwingen. Ein gerades, künstliches Flussbett bringt den Fluss zu einer schnellen wilden Bewegung. Umso schneller kommt es dann zum Hochwasser, das ein von Menschen bezähmter Fluss verursacht. Die mäandernde Bewegung ist auch den Figuren eigen, die immer wieder von dem weglaufen, was sie sich vorgenommen haben, und nur gemächlich zu dieser Sache kommen. Manchmal gelangen sie gar nicht zum Ziel. Sie bleiben in irgendeiner Biegung auf einer Sandbank stecken...
Eine Sache ist aber dieses Mäandrieren als Lebensweise, das eher zur Frustrierung führt, und eine andere Sache ist die Frustration durch eine nicht genug mäandernde Lebensweise… Mein Roman greift dieses Zaudern oder Mäandern einerseits an und kritisiert es und andererseits wird es aber gepriesen, denn geradeaus gerichtete Ströme, in denen Flüsse schneller strömen, führen wirklich zu einem mehr zerstörenden Hochwasser. Mein Roman protestiert eigentlich gegen den gegenwärtigen überwiegenden Lebensstil. Die Pandemie, die wir erleben, ist grundsätzlich das Resultat von immer schneller werdenden Faktoren wie Gewinnsucht, Tourismus und eigentlich auch Gewalt gegenüber der wilden Natur, die immer schneller und schneller wurden, bis sie über die Ufer traten und verursachten, dass die Welt nun teilweise angehalten ist. Wir leben jetzt die Konsequenzen unserer vorigen Tätigkeiten und unseres unnatürlichen Lebensstils. Wir haben fleißig an dieser Pandemie gearbeitet.

© Ivana Myšková – Otálení / Zaudern

Das sind nicht gerade humorvolle Themen. Sie sagen, dass wir auch lachen werden?

Aber ja! Ich personifiziere solche Themen und es ist für mich wichtig, diese große Welt in einem kleinen Maßstab darzustellen. Im Fall von Otálení geht es um ein Zinshaus, in dem eine jahrelang schmutzige Rohrleitung sich verstopft. Leider ist es wohl in unserer menschlichen Gen-Ausrüstung, erst dann auf eine Katastrophe zu reagieren, wenn sie passiert, und ihr nicht vorzubeugen. Jahrelang beschäftigt sich niemand mit langsam fließendem Wasser und einer verstopften Steigleitung, die Rohre hören auf zu dienen und in den einzelnen Wohnungen spürt man die Folgen. Erst als ein Durchbruch der Leitung droht, fängt man an etwas zu unternehmen. Im Reparaturfonds sind natürlich nicht genügend Mittel, denn man hat nicht auf Vorrat gedacht. Eine Lösung ist Teil der Fassade einer Werbeagentur zu vermieten, deren Werbung zum Teil die Fenster zur Straße bedeckt. Der Hauptfigur Sněda wird so die Aussicht auf die Welt verdeckt, Sněda befindet sich plötzlich ohne Sonnenlicht, im Dunkeln, und muss wie irgendein Höhlentier leben.

Wir können den Abschnitt, in dem Sněda mit dem verstopften Abfluss kämpft, auf der Webseite des Tschechischen Zentrums Wien lesen, sowohl auf Tschechisch, als auch auf Deutsch in der Übersetzung von Doris Kouba. Und wir können uns diese Passage sogar auch anhören, denn Doris hat sie in Audio-Form aufgenommen. Der Abschnitt heißt Der C-Falter. Das bringt mich zur nächsten Frage, und zwar was für eine Rolle spielen Tiere in Ihren Werken?

Eine erhebliche Rolle. Im Tierreich können wir so viele hinreißende Bilder finden und Wege, wie man sich um sich selbst, um Jungtiere kümmert, wie man überlebt. Und die unendlichen Formen! Nehmen Sie zum Beispiel die Insekten, so einen C-Falter, der auf der Flügelrückseite Flecken in Form des Buchstaben C hat. Erstaunlich. Und gerade hier, in Wien, habe ich beim Recherchieren herausgefunden, dass sich auf unserem Gebiet – etwa bis in die 60er-Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts – der Schmetterling Nymphalis l-album befand! Woher kommt das L? Was wollte die Natur damit andeuten? So etwas ist für mich faszinierend. Und tatsächlich, wenn ich müde von den Leuten bin, von ihrer erschöpfenden Ambivalenz und Unberechenbarkeit, denke ich an Tiere. An ihre unproblematische Schönheit und Eindeutigkeit. Ich träume auch viel von ihnen, letztens zum Beispiel von einem Bison, der sich auf seinem Rücken wälzte, ich habe ihn gestreichelt und er schnurrte wie ein Kätzchen.

Finden wir im Roman noch ein weiteres Tier, das für die Handlung wichtig ist?

Im Roman Otálení ist der Strauß bedeutsam und flugunfähige Vögel allgemein. Übrigens, ich habe herausgefunden, dass der Prinz Eugen von Savoyen in seiner Menagerie Strauße gehalten hat! Ich muss mehr darüber erfahren. Flugunfähige Vögel, verletzbar und auch stark und kämpfend, symbolisieren für mich die Halbheit und Unklarheit der Figuren. Sie sind quasi unvollendet. Ein Vogel, der nicht fliegt, ist eigentlich ein Nonsens. (Jemand empfindet so auch kinderlose Frauen.) Die Unmöglichkeit zu fliegen liegt auch den Romanfiguren nahe. Was sie auch tun mögen, sie heben einfach nicht von der Erde ab. Das Hauptmotto des Buches habe ich aus dem zweiten Teil von Musils Der Mann ohne Eigenschaften übernommen. „Das Unglück ist unser Stehenbleiben beim vorletzten Schritt!“ Und das ist der Fluch dieser Figuren! Aus irgendeinem Grund beenden sie nicht die Arbeit, den Weg, die Beziehungen, an denen es ihnen lag… Sie könnten sich nach vorne bewegen, aber sie erschrecken und gehen wieder zurück. Sie laufen ständig zickzack und arbeiten sich sehr schwer zum Ziel durch. Einige lang aufgeschobene Entscheidungen werden aber letztendlich doch verwirklicht. In diesem Sinn ist vor allem die Figur von Snědas Vater aussichtsreich.

Wir stehen zusammen inmitten von der Ausstellung der schönsten Bücher Österreichs, Deutschlands, Tschechiens, der Schweiz und der Niederlande für das Jahr 2019. Was evoziert Ihnen der Ausdruck „schönes Buch“ und was für Ansprüche stellen Sie auf die grafische Bearbeitung Ihrer Bücher?

Für mich ist ein schönes Buch ein Buch, das dem Leser einen Eintritt in den Text ermöglicht, es ermöglicht ihm sich festzulesen. Die Platzierung des Textes auf der Seite, die konkrete Schriftart, der Kopf, die Gliederung, aber auch die Verwendung von bestimmtem Papier, die bildliche Bearbeitung des Vorsatzes und natürlich des Umschlags, der das erste ist, was uns über das Buch informiert – das alles spielt zusammen. Typografie und grafische Designtätigkeit ist eine magische Disziplin. Es ist ideal, wenn die grafische Bearbeitung den Charakter des Textes berücksichtigt. Ich mag zum Beispiel, wenn auf dem Umschlag ein Motiv auftaucht, das erst beim Lesen des Buches klargestellt wird. Das ist ein bisschen ein Spiel mit dem Leser, eine Art Rebus. Ich mag gründlich handwerklich bearbeitete Bücher, was für die Verlage immer aufwendiger wird, aber die Dauerhaftigkeit eines Buches als Artefakt ist grundlegend. Deswegen denke ich, dass sowohl die Ansprüche vom Autor, als auch die vom grafischen Designer und vom bildenden Künstler im Einklang stehen sollten. Ich stelle mir vor, dass es um ein Werk geht, das den Autor überleben soll, und als solches sollte es in seiner bildenden und grafischen Bearbeitung überzeitlich und auch in hundert Jahren sein, angenehm in die Hand zu nehmen sein. Und das passiert bei einigen Editionen. Ich würde zum Beispiel den tschechischen Verlag Triáda und seine Hofgrafikerin und Illustratorin Markéta Jelenová nennen, die genau solche festen Bücher entwirft. Mit meinem ersten und zweiten Buch, obwohl die von unterschiedlichen Verlagen (Fra und Host) und von unterschiedlichen Grafikern (Michal Rydval und Martin Pecina) sind, bin ich zufrieden. Nícení ist ein Paperback, Bílá zvířata jsou velmi často hluchá ist gebunden. Ein gebundenes Buch hat natürlich mehrere Attribute, auf die der Grafiker achten kann: zum Beispiel den Vorsatz, ein welliges Lesezeichen, das Umschlagsmaterial, Illustrationen – ich habe dort solche seltsame surreale kleine Meeresmonster. Selbst in der Zeit von elektronischen Büchern und immer häufigerer Digitalisierung würde ich bestimmt nicht auf ein schönes Buch verzichten. Ich denke, es könnten weniger Bücher erscheinen, aber jedes sollte mit so einer Sorgfalt erscheinen, wie meine Bílá zvířata erschienen sind.

Photo: Marta Myšková

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