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Michael Höpfner im virtuellen Gespräch mit Nela Eggenberger

"Keine vorgefertigten Bilder im Kopf"

Der Künstler Michael Höpfner im (virtuellen) Gespräch mit Nela Eggenberger (EIKON) über seine Ausstellung "Von Ruthok nach Lhamo Latso".

Mit Michael Höpfner präsentiert der kurz vor Corona-Schließzeiten neu eröffnete EIKON Schauraum einen Künstler, der sich seit vielen Jahren der Praxis des Gehens zu Fuß verschrieben hat – oft an weit abgelegenen Orten, wie dem tibetischen Hochland. Da die Ausstellung „Von Ruthok nach Lhamo Latso“ wie so viele andere auch kurzfristig geschlossen werden musste, trafen sich Michael Höpfner und Nela Eggenberger (EIKON) virtuell, um sich über die dort präsentierten Arbeiten auszutauschen. BesucherInnen steht der neue Raum im Q21 / MuseumsQuartier Wien ab 15. Mai wieder offen.

Nela Eggenberger: Was hat es für dich mit dem Gehen auf sich?

Michael Höpfner: Ich will in die Natur gehen – aus eigenem Antrieb, mit wenigen Hilfsmitteln: Ich stehe auf der Erde und bewege mich, also gehe ich. Ich möchte diese Erde abgehen. Es ist ein Rätsel, wie der Mensch Zeit und Ort, Nah und Fern in seinem Sein verbindet – dem gehe ich nach. So einfach ist das.

NE: Wie viele Reisen hast du im Schnitt pro Jahr – vor den derzeitigen Reisebeschränkungen – unternommen?

MH: Mir ist es nie um die Anzahl der Tage des Unterwegsseins gegangen. Ich wollte weder Ländersammler noch vielreisender Globalkünstler sein. Manche Jahre habe ich nur Wanderungen von meinem Atelier aus gemacht, dann war ich über sieben Jahre lang jeweils bis zu sechs, sieben Monate zu Fuß in Landschaften unterwegs, die mich faszinierten. Wie schon erwähnt, die Zeit, die Kraft und Energie, sich auf etwas einzulassen – mit dem eigenen Körper, im Kopf und mit den Sinnen – ist für mich entscheidend. Kunst entsteht aus dieser seltsamen Verbindung. Die derzeitige Beschränkung betrifft weder die Natur noch meine Beine.

NE: Die Eindrücke deiner oft wochenlangen Reisen abseits jeglicher Zivilisation hältst du in analogen Fotografien und Zeichnungen fest. Weshalb hast du dich dafür entschieden mit diesen fast schon antiquiert anmutenden Medien zu arbeiten?

MH: Es gibt mehrere Gründe: einer ist, dass ich auf meinen Wanderungen manchmal über Wochen hinweg keinen Strom habe, um Akkus aufzuladen – also greife ich lieber auf analoge Kameras und Film zurück. Der andere Grund ist, dass ich schon als Student relativ wenig Zeit für Medien aufwenden wollte. Techniken zu erlernen empfinde ich nach wie vor meistens als Zeitverschwendung, ich möchte lieber raus – deswegen arbeite ich auch mit Zeichnung und SW-Fotografie. Beides kann ich selbst im Zelt oder zu Hause benützen bzw. umsetzen, ich erhalte die Bilder, die ich will, ohne Zwischenschritte, ohne die Hilfe Dritter, sehr direkt. Die Apparaturen sind in meinem Fall auf das Wesentliche reduziert, es kann fast nichts kaputt gehen. Das mag ich. Ich will mich auf meine Schritte, mein Beobachten konzentrieren und nicht auf Apparaturen oder Medien – wie z.B. die Fotografie. Natürlich denke ich darüber nach, wie ich damit umgehe: mit analogen Film zu arbeiten beschränkt die Anzahl der möglichen Bilder; auch das hat mir von Anfang an gefallen – für eine drei Monate lange Wanderung 20 Filme zu je zwölf Negativen zur Verfügung zu haben.

Photo: Antonia Mayer

Photo: Antonia Mayer

Photo: Antonia Mayer

Photo: Antonia Mayer

NE: Die Fotografien, die derzeit im EIKON Schauraum ausgestellt werden, sind über 15 Jahre alt. Warum der Rückgriff auf bereits vor so langer Zeit entstandenes Material?

MH: Die Wanderung war im August 2004, die Filme habe ich ein halbes Jahr später entwickelt. Seither habe ich die Negative immer wieder betrachtet, wieder abgelegt, verstaut und 2020 erneut hervorgeholt. Gehen ist eine intensive Erfahrung, und diese jeweilige Erfahrung schreibt sich in meinen Körper ein; oft begreife ich intuitiv, dass ich da etwas gemacht habe, das wichtig ist, aber ich weiß noch nicht warum. Das Verhältnis zur Natur ist rätselhaft, es gibt nicht zwingend Antworten darauf. Es gibt auch oft nichts zu erzählen, außer Belangloses wie: Es war kalt, ich war alleine, ich war einsam. Und manchmal weiß ich auch noch nicht, wie die Erfahrung sich als Bild zeigen soll. Es muss Zeit vergehen, oft kehre ich nach Jahren irgendwie an diese Orte zurück, gehe nochmals von anderen Richtungen aus, treffe auf meine unsichtbaren Weglinien, erinnere mich, versuche aus den Fragmenten etwas Ganzes zu machen. So auch bei der Arbeit im EIKON Schauraum: sie zeigt ein Moment der äußersten Nervosität – ich laufe in der Früh von meinem eingeschneiten Zelt in 4800 Metern Höhe an diesem Hügel entlang, beobachte ihn, spreche zu ihm, zu mir selbst, will diese Schritte, dieses Panorama festhalten, mache zwei Fotos, das erste eine halbe Stunde nach dem zweiten ... das ist es. In neuen Arbeiten zeichne ich mit Kreide, einem staubigen Material, über die Fotos, manchmal einfach mit den Fingern; so wie ein intuitives Zurückholen eines Momentes.

NE: Wie liefen die Vorbereitungen zu deiner Tibet-Reise ab, welche Informationen hast du im Vorfeld über die Region eingeholt oder überhaupt einholen können?

MH: Ich musste bis jetzt 15 Mal nach Tibet. Ich habe 1997 als Student Wege in Ladakh abgewandert, war dann über ein Stipendium drei Monate zu Fuß in Nepal und habe von einem Pass aus nach Tibet gesehen ... wer das selbst schon mal erlebt hat weiß, dass solche Beobachtungen oder Bilder ein ganzes Leben beeinflussen können. Also habe ich mich in Kathmandu schlau gemacht, Infos gesammelt und ein halbes Jahr später war ich schon über die Grenze nach Lhasa unterwegs. Ich hatte ein Buch mit Wegbeschreibungen in Tibet, das von einem Taiwanesen aus den 1980er Jahren stammt. Das wurde zur Quelle für meine Wanderungen. Das hieß aber auch: Ich folgte Wegen, die in Worten gefasst waren, die ich „lesen“ musste – wie etwa: „Gehe dieses Tal Richtung Nordwesten, links ein pyramidenhafter Hügel, rechts davon findest du einen Steinhaufen, dort folge einer vagen Weglinie. Folge dieser für einen Tag.“ Für mich war es wichtig, keine vorgefertigten Bilder im Kopf zu haben, nicht einmal Karten, nichts. Es gab tatsächlich keine Karten – Google Earth sah aus wie eine Malerei von Jackson Pollock. In diesen Fällen lernte ich zu beobachten, rein die Natur zu beobachten, und meiner menschlichen Intuition zu folgen. Denn die Menschen dort, fast nur Halbnomaden, leben unter der Natur – nicht im Gleichklang mit der Natur. Und sie gehen also aus diesem Verständnis heraus durch die Natur. Diesem Ansatz kann man folgen, wenn man will. Ich habe mich demnach nicht vorbereitet; ich hatte den Luxus, Zeit zu haben um zu suchen und für mich zu finden, was ich brauchte. Viele Wege, denen ich folgte waren Pilgerrouten, Karawanenrouten; es gibt auf diesen Wegen Nomadenlager. Ich wollte keine Expeditionen starten, ich wollte allein gehen und unabhängig sein.

NE: Wie genau planst du deine Routen? Und liegt ihnen ein spezielles Konzept zugrunde, etwa eine festgelegte Kilometeranzahl pro Tag?

MH: Als ich jünger war habe ich immer wieder versucht mich in konzeptuelle Ideen zu verstricken, Anweisungen der Konzeptkunst zu folgen. Es hat leider nie funktioniert, ich bin nicht der Mensch dafür. Ich wollte mich ja befreien und nicht wieder in kleinkrämerische Schrittzählerei oder Kilometersammeln verfallen, oder mathematisch Punkt A mit Punkt B durch meine Schritte verbinden und all das belegen. Also plane ich sehr vage. Im Fall der gezeigten Arbeiten von Ruthok nach Lhamo Latso folgte ich einer uralten Pilgerroute. Dann am Ziel – einem See inmitten endloser Bergkämme Osttibets – musste ich noch zwei Wochen weitergehen um wieder zu einer Siedlung zu gelangen. Mein Gehen wurde zum Dahinstreunen, verlief sich. Ich vergaß das Ziel. Wenn das geschieht ist es für mich am Besten.

NE: Dein Eskapismus scheint eine Art Protest gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit zu sein. Im Moment steht die Zeit jedoch für uns alle irgendwie still. Siehst auch du die Qualität der Langsamkeit vor diesem Hintergrund nochmal anders als zuvor?

MH: Ich habe mich nie als Eskapisten sondern vielmehr als Zweifler wahrgenommen: Ich will die Erde selber abgehen, mich vergewissern, selbst hinsehen, selbst da sein. Gehen erzeugt eine andere Zeitwahrnehmung, vielleicht eine menschlichere. Protest? Ja, aber allein, durch Stille. Im Moment beobachte ich natürlich fasziniert, wie wir nicht in die Natur hinausgehen, sondern die Natur zu uns hereinkommt, wie sie in unseren natürlichen Körpern Chaos verbreitet und uns klar macht, dass Zeit keine Erfindung des Menschen der Moderne ist.

NE: Wohin wird dich dein erster Weg führen, sobald die österreichischen Grenzen wieder offen sind?

MH: Ich werde vom nordgriechischen Trikala zu Fuß bis zur Quelle des Aoos/Vjosa Flusses gehen; und diesem bis nach und durch Albanien bis zur Mündung in die Adria folgen.

Michael Höpfner, Von Ruthok nach Lhamo Latso

Ausstellung im EIKON Schauraum

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