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LITERATURpassage: JENNY passiert

LITERATURpassage:
JENNY passiert

JENNY hat sie alle. Lyrik. Essay. Prosa. Drama, baby. JENNY ist das Literaturmagazin des Instituts für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst in Wien. Herausgegeben von Studierenden, ist das Magazin eine Seismographin für junge deutschsprachige Literatur innerhalb und jenseits der Gattungsgrenzen. Ab Februar 2020 gestaltet sie die Literaturpassage im MQ. Im Interview sprachen die neuen KuratorInnen Greta Pichler und Sandro Huber über Aphorismen, Lesestoff und die literarische Wundertüte.

 

JENNY passiert. Ab Februar 2020 bespielt sie die LITERATURpassage im MuseumsQuartier. Was dürfen wir erwarten?

Greta Pichler: Viel Neues, viel Spannendes. Bei der Eröffnung selbst werden wir das Konzept vorstellen, es wird eine kurze Lesung der Autorin Cornelia Hülmbauer geben. Die Künstlerin Tina Graf präsentiert ihr Gedicht in einer Vitrine. Danach gibt es eine Lesung im Raum D mit den AutorInnen der JENNY 7, die nicht in Wien leben, und die jetzt extra dafür anreisen.

Sandro Huber: Auch im weiteren Jahr werden die Vitrinen mit Gedichten gestaltet, die künstlerisch-grafisch umgesetzt werden.

G: Die Vitrinen sollen wie ein kleiner Ausstellungsraum wirken, in dem die Literatur visuell und plastisch dargestellt wird.

S: Kleine Blickfänge am Eingang ins MuseumsQuartier.

JENNY ist das Literaturmagazin der Sprachkunst der Angewandten. Wer steckt hinter dem Magazin und wie ist es entstanden?

S: JENNY gibt es nun schon seit sieben Jahren, im Herbst kommt die Achte raus. Davor gab es die Vorgängerpublikation „Lautschrift“, allerdings war diese nicht ganz so sexy – auch grafisch gesehen. Hoffentlich erinnert sich niemand mehr an das Design (lacht).
Für die JENNY haben sich Johanna Wieser, Timo Brandt und noch ein paar weitere mit dem studio VIE und Christian Schlager zusammengesetzt, der seitdem auch die JENNY gestaltet. Gemeinsam haben sie das einzigartige Design entworfen. JENNY ist sich seitdem treu geblieben: Aphorismen, die wir auf Postkarten und Plakate drucken, farbige Zwischenblätter und aufwendige Cover sind fixe Parameter. Aber wer dahintersteckt, ändert sich jedes Jahr.

G: JENNY hat kein Gesicht und soll auch keines haben. Sie ist Alle und Viele und das ist eines der wesentlichen Merkmale, sowohl grafisch als auch konzeptuell. Es gibt fixe Parameter, es kommt aber immer Neues hinzu, weil die HerausgeberInnen wechseln, andere Augen die Texte anschauen und den Inhalt gestalten. Für die Covergestaltung wird immer ein/e KünstlerIn ausgewählt. Die Vorworte sind von ProfessorInnen der Sprachkunst.

S: Die Aphorismen wählen wir aus Texten aus, die es leider nicht ins Heft schaffen, wie beispielsweise „Ich tu baden für mein Image.“ Daraus entwickelt sich ein JENNY-Slang, der mit Populärkultur und Songtexten spielt. In diesem Slang werden die Nachworte verfasst. JENNY ist eine Allesfresserin und spricht per se von sich in der dritten Person. Obwohl: JENNY ist eher eine Wundertüte als eine Person.

Wird sich der JENNY-Charakter durch den Einzug in die LITERATURpassage ändern? Werden sich neue Einflüsse auf das Heft bemerkbar machen?

G: JENNY freut sich rauszukommen und die Stadt mit ihrem Slogan zu taggen: Denken, Glänzen, Text. Es ist eine Bereicherung für JENNY, dass sie sich im urbanen Raum positioniert und noch mehr in der Öffentlichkeit zeigt, als sie es schon auf Lesungen und Partys macht. Das Doppel-N in JENNY steht für: NICHT NUR.

S: JENNY wird sich auch fragen, was in dieser Passage möglich ist, in der die Verweilzeit sehr gering ist, und die den perfekten Raum für ein kurzes Gedicht oder einen Aphorismus bietet. Sie wird sich fragen, was es mit ihrem Text oder ihrem Image macht, wenn sie sich in einem semi-kommerziellen Zwischenraum befindet.

©Eva Puella

Kurator Sandro Huber im Gespräch.

Wonach wählt die Redaktion die Texte aus?

G: JENNY sucht nach Etwas, was sie so noch nicht gelesen hat. JENNY macht einen Call und bekommt daraufhin anonyme, unveröffentlichte Texte zugesendet, meistens 300-400 Stück. Alle Redaktionsmitglieder lesen alle Texte. Anschließend erstellt die Redaktion ein Ranking und die besten Texte werden noch einmal besprochen. Final schaffen es etwa 15-20 Texte in die JENNY. Diese Texte sind eine bunte Mischung aus allen Gattungen und Gattungsübergängen.

S: Nur die Harten kommen in den Garten.

Schreibt ihr selbst auch für die JENNY?

G: Solange man Redaktionsmitglied ist, schickt man keine Texte ein.

S: Auch, weil man Angst hat, abgelehnt zu werden (lacht).

Werden wir die Plakate mit den JENNY-Aphorismen auch in der LITERATURpassage wiederfinden?

S: Die sogenannte Wandzeitung wird immer in diesem Look aufbereitet sein.

G: Für die erste Ausstellung haben wir eine limitierte Postkartenserie entworfen, mit je einem Aphorismus und auf der Rückseite einem Gedicht. Jede Postkarte ist einer Ausgabe der JENNY zugeordnet. Um die Postkarte No. 5 mit einem Aphorismus von Lara Rüter zu zitieren: BLINGBLING, WIR HABEN KEINE KOSTEN GESCHEUT.

©Eva Puella

Kuratorin Greta Pichler im Interview.

JENNY ist Lyrik, Essay, Prosa. Was ist JENNY nicht?

S: Einförmig. Langweilig.

G: Rassistisch.

S: Erwartbar. Grau. Außer vielleicht sexy-grau, anthrazit.

G: Exklusiv. Sie ist auch nicht unüberlegt, nicht glanzlos.

S: Sie ist eigentlich nicht so modebewusst. Sie läuft der aktuellen Mode nicht hinterher, die in der Literaturwelt passiert.

Was ist gerade Mode in der Literaturwelt? Und was wäre ein Text, der typisch modisch daherkommen würde?

S: Wir nennen nun keine Namen, JENNY ist diskret.

G: Einen Text, der zu eingängig, zu aufgesetzt ist, würde JENNY nicht nehmen.

S: JENNY ist zeitgenössisch, aber JENNY erkennt es auch, wenn ein Text versucht, sehr edgy zu sein, ohne das wirklich umsetzen zu können.

Habt ihr Tipps für junge AutorInnen, die versuchen, mit ihren Texten an die Öffentlichkeit zu gehen?

G: Den Text an JENNY schicken (lacht).

S: JENNY lesen. Das Wichtigste ist, dass man sich selbst gegenüber in seiner Arbeit ehrlich ist. Dass man es ernst meint, sorgfältig ist und versucht herauszufinden, worüber es sich für einen selbst wirklich auszahlt zu schreiben. Versucht, nicht beliebig zu sein und nicht darauf zu schielen, was man gut an welcher Stelle anbringen könnte.

Gibt es große Unterschiede, zwischen jemandem, der eingebettet in einer Schreibschulde an seinen Texten arbeitet und jemandem, der das nicht tut?

S: Es gibt Leute, die dafür bezahlt werden, an deinen Texten Kritik zu üben. Und die nehmen ihren Job auch ernst.

G: Es ist ein Luxus, dass man kritisiert wird. Der größte Vorteil ist wahrscheinlich, dass man in einem Austausch steht, mit anderen Studierenden und auch mit AutorInnen, von denen man viel lernen kann; und dass man diesen Austausch nicht ewig lange suchen muss. Aber per se glaube ich nicht, dass man unbedingt in eine Schreibschule eingebettet sein muss, um Erfolg zu haben.

S: Auch in der JENNY sind immer etwa ein Drittel der Texte aus der Sprachkunst, ein paar aus Leipzig und der Rest von Leuten, von denen wir noch nie etwas gehört haben.

Das heißt, JENNY ist auch international vernetzt?

G: Ja, unter den verschiedenen Schreibschulen und ähnlichen Literaturmagazinen gibt es schon eine Vernetzung. Dass wir eine Einsendung erhalten, die nicht aus einem deutschsprachigen Land kommt, passiert natürlich nicht so häufig.

S: Aber für die JENNY-Eröffnung in der Passage reist auch ein Autor aus Paris an.

©Eva Puella

Was lest ihr gerade selbst?

G: Alles Mögliche. Ich habe gerade „ROT. Zwei Romane in Versen“ von Anne Carson gelesen.

S: Uljana Wolf. Seit drei Wochen. Durchgehend. Ich hoffe, das Interview liest sie nicht, mir ist es etwas peinlich, so zu fangirlen (lacht).

Beeinflusst euer Lesestoff auch eure eigene Literatur?

G: Ja, bestimmt. Lesen ist es ein ständiges Reflektieren über das eigene Arbeiten.

S: Oft nicht auf diese Weise, dass man es sofort merkt. Aber nach ein paar Jahren fällt einem auf: „Das kommt ja irgendwoher, was ich da mache.“ Direkt denkt man sich nicht, dass man etwas genauso macht, wie ein anderer Schriftsteller, aber es sickert natürlich etwas ein. Monika Rinck nennt das den „Hobbykeller des Unbewussten“ - wenn Dinge weiter werken, wachsen und wuchern.

Wie lange schreibt ihr beiden schon selbst?

S: Schon…

G: …immer.

Was würdet ihr am Literaturbetrieb ändern, wenn ihr einen Zauberstab in der Hand hättet, der diese Änderung sofort herbeiführen könnte?

S: Ich würde diese kannibalischen Wettlesen wie in Klagenfurt einfach abschaffen. Ich finde das brutal. Und dass die Nominierten, die keine Preise bekommen, oft gar nicht bezahlt werden, finde ich untragbar.

G: Generell sind auch die Arbeitsverhältnisse und die Bezahl- und Geldsituationen im Literaturbetrieb nicht gut. Es wird oft verlangt, dass man für fast kein Geld liest. Das ist eines der Hauptprobleme.

S: Wir versuchen bei JENNY, alle Mitwirkenden zumindest symbolisch zu entlohnen. Viel geht leider oft nicht, aber wir bemühen uns zumindest.

Würdet ihr trotzdem mitmachen, wenn ihr gefragt werden würdet?

S: Ich schreibe nur Lyrik, ich fühle mich nicht angesprochen (lacht).

G: Aber ja. Ja, aber.

Glaubt ihr, dass es für die Schriftstellerkarriere später förderlich ist, wenn man Sprachkunst wirklich studiert und einen Abschluss in diesem Fach hat?

S: Ich glaube der Abschluss ist nicht das Wichtigste. Es gibt auch Leute, die nie abgeschlossen haben. Tonio Schachinger zum Beispiel. Das wichtigste Kriterium ist das ehrliche und hartnäckige Arbeiten.

Was kann gute Literatur heutzutage leisten, wenn sie erfolgreich ist?

G: Die richtigen Fragen stellen und Denkprozesse anregen. Literatur kann viel – warum nicht alles?

©Eva Puella

Aphorismus aus JENNY 7.

Da wir ja gerade im Kaffeehaus sitzen: Hat das Kaffeehaus für euch als Schreibende eine Bedeutung?

S: Für mich schon. Ich war heute auch schon eine Stunde früher da, um zu arbeiten. Der frühe Vogel fängt den Wurm.

G: Der frühe Wurm hat einen Vogel. Ich komme nicht extra zum Schreiben ins Kaffeehaus, aber so als sozialer Raum ist es schon ein Ort der Begegnung für mich – mit Leuten, mit Büchern, mit Kaffee.

Habt ihr denn einen Ort, an dem ihr am liebsten schreibt?

S: Nein, ruhig muss es sein, Kaffee muss es geben.

G: Überall, nur nicht zuhause.

Habt ihr noch ein paar abschließende Worte, die ihr unbedingt loswerden möchtet?

S: Das ist wie auch bei der JENNY. Am Ende denkt man sich immer: „Hmm, eigentlich fehlt noch etwas, jetzt müssen wir noch eine Ausgabe machen. Im Herbst kommt dann JENNY Nr. 8.

G: Ein Aphorismus aus der JENNY 6 von Lewon Heublein: Zum Schluss Rosenblätterregen.

Vielen Dank für das Interview.

 

Interview: Margit Mössmer und Ann Cathrin Frank

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