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Film & Demokratie: ein Gespräch mit Volker Schreiner

Film & Demokratie: ein Gespräch mit Volker Schreiner

100 Jahre, 8 Themenfelder, 24 Kurzfilme: die audiovisuelle Ausstellung „shaping democracy – the republic in 24 frames per century“ (Eröffnung am 21. März im frei_raum Q21 exhibition space) ist ein partizipativer Rundgang durch die Geschichte der österreichischen Republik. Hinter dem Trailer steckt der Video-Künstler und Artist-in-Residence im Q21 Volker Schreiner.

Dein Trailer, der während deines Studioaufenthaltes im MQ entstanden ist, zeigt Ausschnitte aller Filme, die in der Ausstellung zu sehen sein werden. Wie hast du sie ausgewählt? Durch deine Montagearbeit entsteht Witz, aber auch eine unheilvolle Stimmung…

Ich arbeite schon seit 20 Jahren mit found footage, insofern bin ich – ich denke ich darf das sagen – sehr versiert. Normalerweise greift man bei der Arbeit mit vorgefundenem Material viel ein, stellt auf den Kopf, spiegelt, verändert Farb- und Helligkeitswerte, aber das verbietet sich hier natürlich. Umso wichtiger war die feste Struktur, die alles zusammenhält. Es lag auf der Hand, dass die Zahl 100 [für 100 Jahre Österreichische Republik, Anm.] eine Struktur bieten kann.

Am Anfang sollte etwas stehen, das den Zuschauer mitnimmt, etwas Lautes. Zum Schluss sollte es auch vom Ton her kräftig werden. Das ging zügig. Aber dazwischen wurde es richtig schwierig. Ich hätte auch alles einfach hintereinanderlegen können, aber das wäre doch gequirlter Quark gewesen, damit gebe ich mich ungern zufrieden. Deswegen habe ich versucht Übergänge zu schaffen, Verbindungen herzustellen, Sprachanteile, Untertitelungen oder Musik und Stille zu gruppieren. Die Arbeit an diesem Trailer war also ein langer Suchprozess mit vielen möglichen Kombinationen.

Es beginnt mit einer in den österreichischen Medien oft gehörten Stimme – mit einem O-Ton von Sebastian Kurz.

Mir persönlich wäre es egal gewesen, ob es Herr Kurz ist oder jemand anderer, aber letztlich passt es ganz gut, dass der aktuelle Kanzler das „Willkommenswort“ spricht, wie auch immer man das für sich selbst bewerten möchte.

Was ist das Verlockende an der Arbeit mit bestehendem Material?

Ein found footage Bild erzählt einfach viel mehr. Die Motive haben immer eine gewisse Aufladung. Mir geht es nicht darum mit einem bestimmten Film eines bestimmten Regisseurs zu arbeiten. Mich interessiert es, aus manchmal sehr unscheinbaren Filmmomenten eine neue Kombination zu schaffen, eine neue Aussage herzustellen.
Es gibt da zum Beispiel einen Film von mir, der nur aus Lichtkegeln von Taschenlampen besteht. Was mir bei solchen Arbeiten wichtig ist, sind die fehlenden Referenzen. Es erkennt niemand, auch wenn er noch so viele Filme schaut, irgendeinen Film heraus, weil der Ausschnitt viel zu unauffällig ist. Würde ich eine bekannte Stelle beispielsweise aus einem Hitchcock-Film nehmen, würde der Betrachter so viel in meine Arbeit mit einbeziehen, das will ich gar nicht.

Kann man da von einem „demokratischen Arbeitsvorgang“ sprechen?

Demokratisch? Würde ich in diesem Zusammenhang gar nicht sagen.

Jeder Taschenlampen-Filmausschnitt ist doch gleich viel wert und …

Bei Demokratie denke ich ans Wählen.

Es hat ja auch eine gewisse Demokratisierung der Kunst stattgefunden.

Ach?

Weil jede und jeder Kunst machen kann. Das Beuys‘sche Versprechen hat sich eingelöst und wir können alle ein Filmchen drehen oder uns in fast jeder erdenklichen Form künstlerisch ausdrücken.

Die Zugriffsmöglichkeiten sind sicher mehr geworden. Ich bin seit 30 Jahren im Filmgeschäft. Damals konnte sich niemand leisten etwas herzustellen. Insofern könnte man das schon eine Demokratisierung nennen. Ja, es ist ein gleichberechtigter Zugriff von allen Seiten auf praktisch alle Medien möglich geworden, das ist richtig. Man muss aber auch sehen, dass das alles Vor- und Nachteile hat. Es ist schön, dass jeder das machen kann, aber das Angebot wird riesig und das entbindet nicht davon, Qualitätskriterien in den Vordergrund zu stellen.

Diese Qualitätskriterien zu kennen und anzulegen kann für das Publikum manchmal eine schwierige Aufgabe sein, oder?

Sicher, aber diese Situation haben wir schon länger, dass die Kunst einen versierten Betrachter benötigt. Es heißt der Zuschauer fühlt sich dumm, weil er das Kunstwerk nicht versteht. Da ist der Schuldige auch manchmal bei der Kunst zu suchen. Einer Kunst, die den Betrachter nicht mehr sucht.

Ich beschäftige mich mein Leben lang mit Kunst. Als Kunstlehrer, als Dozent, als Gastprofessor, als Künstler, als Theoretiker und mir geht es selbst des Öfteren so, dass ich sagen muss: Leute, was soll das? Der Verstiegenheit, die manchen Arbeiten innewohnt, bin ich überdrüssig. Wenn ich als Betrachter das Gefühl habe ich werde von dem Kunstwerk nicht gesucht, dann interessiert es mich herzlich wenig.

Bei experimentellem Film kann das doch auch schwierig sein. Nicht jedes Auge ist auf Experimente geschult oder hat den intuitiven Zugang zum Experiment.
Trotzdem ist Film – um die Begrifflichkeit noch einmal kurz zu bemühen – auch deswegen ein „demokratisches Material“, weil man nicht erst in den Museumstempel muss um ihn zu rezipieren.

Richtig, obwohl man da auch ein anderes Argument einbringen kann, denn die Betrachtung eines Kunstwerkes erfordert ja eigentlich immer ein gewisses „Aus-dem-Rahmen-heben“. Es ist etwas Besonderes, dass in dieser Ausstellung ausschließlich Filme gezeigt werden. Dieses Besondere hat man auch bei einem Filmfestival, wo man sich dem Programm aussetzen muss. Das Problem heute ist ja, dass man nicht mehr in die kontemplative Situation kommt, weil alles immer verfügbar ist. Manche Sachen muss man aber in seiner Länge aushalten. Erst wenn man sich dem aussetzt, merkt man, dass es die Länge gebraucht hat.

Der Trailer in voller Länge:

Volker Schreiner war im Februar 2018 auf Einladung von frei_raum Q21 exhibition space im MuseumsQuartier Wien zu Gast.

shaping democracy – the republic in 24 frames per century
22.03. bis 03.06.2018, Di-So 13-20h / Eintritt frei
Eröffnung: Mi 21.03., 19h
Ort: frei_raum Q21 exhibition space / MQ
Kuratiert von Doris Bauer und Daniel Ebner vom Kurzfilmfestival VIS Vienna Shorts.

KünstlerInnen:
Gregg Biermann (USA), Bojana Bregar (SVN)*, Robert Cambrinus (AUT), Gita Ferlin (AUT), Gabriel Gauchet (FRA), Katarzyna Gondek (POL), Santiago Bou Grasso (ARG), Katharina Gruzei (AUT), Lutz Henke (GER), Peter Hörmanseder (AUT), Florian Kindlinger (AUT), Timo Klöppel (GER)*,  Peter Kutin (AUT), Boris Labbé (FRA)*, Maria Lassnig (AUT), Mischa Leinkauf (GER), Johann Lurf (AUT), Bjørn Melhus (GER/NOR), Mischa Milinović (Peng!)* (GER), Jean Peters (Peng!)* (GER/FRA), Norbert Pfaffenbichler (AUT), Britta Schoening (AUT), Volker Schreiner (GER)*, Veronika Schubert (AUT), Hubert Sielecki (AUT), Michaela Taschek (AUT), Peter Tscherkassky (AUT), Lisa Weber (AUT), Paul Wenninger (AUT), Matthias Wermke (GER), Sandra Wollner (AUT), Daniel Zimmermann (AUT)
*Q21 Artists-in-Residence

#ShapingDemocracy

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