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Saskia Warzecha im Gespräch mit JENNY

Interview

Saskia Warzecha im Gespräch mit JENNY

Interview mit Saskia Warzecha, deutschsprachige Lyrikerin und Artist-in-Residence des Q21

Wie geht es Dir in Wien? Könntest Du Dich bitte kurz vorstellen.

Ich bin Saskia Warzecha, Lyrikerin, Lyrikvermittlerin und Herausgeberin. Ich lebe seit ziemlich langer Zeit in Berlin – abgesehen von einem Jahr, das ich in Wien verbracht habe.
In Wien geht es mir prima und ich bin eigentlich sowieso so oft ich kann hier. Von daher hat es mich besonders gefreut, hierher eingeladen worden zu sein.

Wie würdest Du Deine künstlerische Arbeit beschreiben?

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie man das Verbindende beschreiben sollte: Auf der einen Seite wird die eigene künstlerische Arbeit ja stark von etwas zusammengehalten – das sich einem selbst aber vielleicht stärker entzieht als den Rezipient:innen. Und auf der anderen Seite verändern sich die Schreibanlässe, die Themen, die einen umtreiben, und dadurch auch die Methoden, die dafür geeignet scheinen. Das, woran ich jetzt gerade arbeite, wird auch formal notwendigerweise recht anders als mein erstes Buch, in dem es mir – als ein Beispiel – auch darum ging, Brüche aufzuzeigen zwischen unterschiedlichen Sprechweisen oder diese aneinander reiben oder kollabieren zu lassen. Ein Vorpreschen und Zurücknehmen von der Instanz, die Ich sagt und die sich auf andere Sprechweisen verlässt, weil sie weniger Mut erfordern oder weil sie genereller zu sein scheinen. Brüche, mitunter auch harte, in denen ich eine Schönheit sehe, weil dort, in ihrer Notwendigkeit, etwas wie Verletzlichkeit zu Tage tritt.

Du hast Computerlinguistik studiert. Was bedeutet das und wie kam es dazu?

Computerlinguistik ist die Disziplin in der Informatik, die sich den natürlichen Sprachen widmet. Die also mit Hilfe von computationellen Verfahren versucht, zu modellieren, wie sich die Sprachen, die wir sprechen, ins Automatische übertragen lassen. Es geht da zum Beispiel um Spracherkennung, Sprachsteuerung, Übersetzung, Textgenerierung. Für all diese Dinge muss man einem Computer sozusagen beibringen, ganz umfassend, wie unsere Sprache aufgebaut ist, wie sich ein Satz zusammensetzt und in welchen Kontexten er produktiv wird.

Ich kam, als ich damals mit dem Studium begonnen habe, ganz und ganz nicht von der Informatik. Aber als ich das erste Mal von dem Studiengang gehört habe, davon, dass Computerlinguist:innen Systeme entwickeln, die auf Sprachlogik, bis ins kleinste Detail, basieren, war mir klar, dass ich das machen möchte.

Wie steht das in Zusammenhang mit Deinem Schreiben?

Nicht in der Produktionsweise, bisher zumindest nicht. Was die Konzepte betrifft, zum Teil aber schon. Sprache ist ja, sagen wir mal, einer der Hauptversuche, Zugriff auf die Welt zu erhalten. Sprachtheorie ist also auch Erfahrungstheorie, Ordnungstheorie, und diese Hintergründe fließen in mein Schreiben mit ein, weil mich diese Themen beschäftigen.

Und ansonsten ist Programmieren zu lernen einfach auch eine sehr gute Schule für Genauigkeit. Wenn man in einem Computerprogramm einen Doppelpunkt falsch setzt, funktioniert das ganze System nicht mehr. Das hilft, denke ich, beim lyrischen Schreiben: Weil es eine gewisse Präzision in der Arbeit trainiert.

Gratuliere zu Deinem Lyrikdebüt Approximanten. Könntest Du uns kurz erzählen, wie dieses Buch entstanden ist?

Der Ausgangspunkt waren glaube ich lyrische Miniaturen, geordnet nach unterschiedlichen sprachlichen Clustern, Hör- und Sprechphänomen. Zwei, drei Seiten waren das, noch gar keine Gedichte. Mich hat interessiert, wie linguistische und harte, „abgeschlossene Konzepte“ Raum lassen für das Persönliche, das sie gleichermaßen ein- und ausschließen. Sozusagen ein „Wie steht ein Mensch, der spricht und hört, in der Welt.“

Das waren glaube ich die allerersten Entwürfe für das, woraus dann, ganz anders, Approximanten entstanden ist. Diese paar Seiten habe ich damals auch bei einer JENNY Release Lesung gelesen, das fällt mir jetzt grad erst wieder ein.

Der Lyrikband gliedert sich in die drei Kapitel mit den Überschriften Approximanten, Prüfautomat und Diphthonge. Was sind das für Begriffe und welche Verbindung zu Deinen Gedichten siehst du in ihnen?

Man könnte sagen, dass die Kapitel unterschiedliche Fokuspunkte setzen.

Die titelgebenden Approximanten verhandeln Fragen danach, wie sich der erfahrbaren Welt zu nähern sein könnte. Was sollen wir denn anstellen mit diesen ganzen Dingen um uns herum? Wie soll man denn umgehen mit dieser ganzen Fülle von Erfahrungen?

Dass es da nie eine Vollständigkeit geben kann, dass alles im Erleben sozusagen unabgeschlossen bleiben muss, und jeder Versuch, etwas möglichst richtig, möglichst vollständig zu erfassen, dabei stets unwiederholbar ist, das ist sozusagen die Grundierung des Buchs.

Der Begriff kommt aus der Sprachwissenschaft und bedeutet „Näherungslaute“. Das sind Laute bei denen der Luftstrom also – fast – wie bei den Vokalen nicht umgeleitet wird. Und auch in der Mathematik sind Approximationen Näherungswerte. Um das Abmessen und um Skalen, deren Anlegen scheitert, geht es ja auch viel in diesem Buch.

Diphthonge sind die Laute, die wir bilden, bei denen innerhalb einer einzelnen Silbe zwei Vokalen statt einem gebildet werden, Zwielaute oder Zweilaute, ei oder au zum Beispiel. Dieses Kapitel nimmt interpersonelle Näherungs-, Öffnungs- und Rückzugsversuche in den Blick. Und Prüfautomat widmet sich stärker dem Abklopfen dessen, was sprachliche Annäherungen ausmacht.
Die Thematiken stehen aber kapitelübergreifend auch im Bezug zueinander, das tun sie ja zwangsläufig.

Und welche Bedeutung haben die Intersect-Texte?

Diese Gedichte sind Überschneidungs- und Trennungspunkte zwischen den Kapiteln, die zweimal von sehr weit außen und einmal sozusagen von innen heraus das Buch im Gesamtgefüge kommentieren. Das letzte Intersect ist mein Anschneiden zu dem Außerhalb am Ende des Buches.

In deinen Gedichten verwendest du häufig Fachsprache, führst jedoch keine Begriffserklärungen oder Verweise an. Warum hast du dich dagegen entschieden?

Ein Glossar würde der Idee widersprechen, dass in dem Buch auch deshalb auf Fachsprachen zurückgegriffen wird, um etwas vermeintlich präziser Gefasstes – den Fachausdruck, zu dem es also eine „offizielle Definition“ gibt – gerade deshalb zu wählen, um das Persönliche zu verschleiern, zu schützen. Es ist hilfreich, wenn es da im Lesen einen Widerstand gibt gegenüber dem Codeswitching, das in Approximanten eine große Rolle spielt.

Ich würde ein Glossar aber auch poetologisch nicht sinnvoll finden. Das würde nahelegen, dass es bestimmte Begriffe gibt, die übers Glossar „zuende erschlossen“ werden können, während die anderen eigentlich von vornherein klar sind. Wobei diese Trennung so ja nicht gemacht werden kann, gerade in der Lyrik nicht.

Die Form deiner Texte ist einheitlich: ein in Blocksatz formatierter Absatz ohne Umbrüche.
Im selbstreferentiellen Gedicht, das auch das Schlusswort des Bandes bildet, steht meine kleine sammlung blackboxen.Welche Funktion hat diese Struktur für deine Texte? Sollen sie auch als blackboxen gelesen werden?

Zum einen hilft mir der Blocksatz insofern bei den Texten, als dass da sehr viele Stimmen sprechen. Wenn ich es nicht so streng halten würde, im Rahmen, wäre es zu chaotisch – und ich möchte ja gerade zeigen, dass das alles in einem ist.

Und dann gibt es in Approximanten auf dieser Ebene drei Bilder: Die Blackboxen – Gegenstände, die zwar als Flugschreiber alles Messbare aufzeichnen, deren innere Funktionsweise in Informatik und Systemtheorie aber keine Anwendung findet; das Schwarze Quadrat – also das Initialwerk von Malewitschs Suprematismus; und dann die Fenster, die im Band „schweben, weil die wände verschwinden“, an denen es dem Ich fast kühl wird, und die geöffnet sind.

Diese Formen spielen eine Rolle, ja. Die Texte sind dabei, bis auf eine Ausnahme, zum Ende aber immer offen. In der letzten Zeile wird der Blocksatz dann aufgehoben.

Warum sind manche Stellen kursiv gesetzt im Text und andere nicht?

Das Kursivierte signalisiert eine andere Stimme oder Sprechweise, die hineinkommt und mitspielen, mitsprechen will. Das sind also keine Zitate, sondern Zitierungen eines anderen Sprechens. Die Schrägstriche zum Beispiel sind auch nicht als Umbrüche gedacht, sondern als „oder“, ähnlich wie wenn wir einen Slash setzen. Sie signalisieren eine andere Möglichkeit, das Aufzeigen einer Parallele.

Was steht 2021 noch an? Woran arbeitest du gerade?

Literarisch arbeite ich momentan an dem, womit ich mich auch um das Stipendium beworben habe.

Es ist ein lyrischer Text, der lange läuft. Also noch keine einzelnen Gedichte, aber ich weiß nicht, ob das so bleiben wird.

Die Thematiken dabei sind, wie sich Vergangenheit oder Erinnerung in Räumen manifestiert, was Raumtheorie an Verständnis beitragen kann. Wie es gedacht werden kann, dass wir Erinnerung an Räumen, Orten lassen und umgekehrt. Also das zum einen. Und zum anderen die Frage, wie wir Erinnerung, also Vergangenheit eigentlich sprachlich fassen können. Die Vergangenheitscodierung wird im Deutschen ja an den Verben vorgenommen. Also letztes Jahr saß ich auf dieser Bank und nächstes Jahr werde ich auf ihr sitzen. Das erscheint mir erstmal völlig kontraintuitiv. Warum sollte sich ausgerechnet das Sitzen verändern – das doch am allerwenigsten, viel eher wohl die Bank oder das Ich, das darauf sitzt. Und das versuche ich in meiner nächsten Arbeit auch auszuloten. Wie wir Erinnerung und Zeitlichkeit vielleicht anders ausmachen würden, wenn wir das umdrehen oder woanders dranhängen würden.

Du hast auch Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst studiert, wie war das für dich?

An der Angewandten hat das mit dem Schreiben für mich eigentlich erst so richtig begonnen, weil erst da der Austausch hinzukam. Vorher hatte ich kaum je jemandem meine Texte gezeigt.
Und durch diese Zeit des ersten „Nach draußen Gehens“ damit, die Zeit dieser ständigen, aufregenden Unsicherheit damals, ist Wien für mich ein Ort mit einer großen biographischen Wichtigkeit geworden.

Was hast du besonders an der Residency genossen?

Die Konzentration, die ein neuer Arbeitsort mit sich bringt. Die Begegnungen mit anderen Künstler:innen. Und die erste Öffnung nach sieben Monaten Lockdown.

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