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Christine Standfest

"Man muss die eigene Position befragen."

Christine Standfest kuratiert die [8:tension] - Young Choreographers' Series beim ImPulsTanz Festival. Unter diesem Label werden zwölf junge Produktionen aus der ganzen Welt gezeigt. Was hinter den Positionen steckt, was eine gute Choreographie ausmacht und was Tanz und Politik verbindet, darüber spricht sie mit uns im Interview.

Die [8:tension]-Serie zeigt Performances junger CoreographInnen aus São Paulo, Kairo oder Moskau. Wie funktioniert die Auswahl der Stücke?

[8:tension] trägt diesen Namen, weil es bis 2012 jeweils acht Stücke waren, die in der Reihe gezeigt wurden. Heute sind es bereits zwölf. Es gibt keinen Open Call, man kann sich also nicht bewerben, sondern wir betreiben bei der Auswahl „Feldforschung“. Ich bekomme unfassbar viele Videos und Einladungen zu Performances zugeschickt. Man weiß um bestimmte kleinere Festivals, die an den Hot Spots der tänzerischen Welt stattfinden, Brüssel, Berlin, Stockholm, Marseille, Lausanne. Dort sieht man sich um. Dann hat man natürlich Netzwerke und Partnerorganisationen in Berlin, Budapest, Zagreb, Belgien oder Montpellier, wo man wiederrum den Kontakt zu Nordafrika sucht. Ich tausche mich also in einem ongoing process aus und so entwickelt sich eine Art dynamischer Liste für mich.

Wer oder was ist „jung“ in diesem Kontext?

Zum einen hat das sicher mit dem Alter der ChoreographInnen zu tun, aber zum anderen hat es auch mit dem Punkt an einer künstlerischen Laufbahn zu tun. Wobei man sagen muss, es sind meistens die zweiten oder dritten Arbeiten von Leuten, die uns auffallen.

Christine Standfest © ImPulsTanz

Was mich dazu bringt anzunehmen, dass es kein leichtes Berufsfeld ist. Wie kann man sich den Beruf vorstellen und wie gehen die (jungen) ChoreografInnen mit der Situation um, miteinander im Wettbewerb stehen zu müssen? Am 11. August wird schließlich der "Young Choreographers' Award" an eineN GewinnerIn vergeben.

Was mir gerade heuer ein großes Anliegen ist, ist über den Tellerrand zu schauen, nicht nur was künstlerische Anliegen und Ansätze oder die Stücke selbst anlangt, sondern auch was die Arbeits- und Produktionsbedingungen einzelner AkteurInnen betrifft. Dieses Jahr finde ich zum Beispiel super, dass eine Gruppe aus Moskau da ist. In Moskau gibt es Null öffentliche Förderung. Dort muss man sich ganz anders organisieren und finanzieren, als bei uns in Wien oder generell in den westlichen, staatlich subventionierten Ländern.

NASA4NASA wiederum, die in einer Gesellschaft leben, die einen fundamentalen Backlash erlebt hat, haben ihr Tanzstück in einem Squash Court in Kairo aufgeführt, weil sie keine anderen Spielorte mehr haben. Da stellt sich die Frage des Wettbewerbs anders als hier, wo man im Wettbewerb um Projektförderung, KoproduzentInnen oder Residencies steht. Residency ist hier übrigens ein wichtiges Stichwort. Die Flexibilität ändert sich, sobald KünstlerInnen Familien gründen. Das bedeutet meistens immer noch vor allem für Frauen einen Karriere-Shift.

Auch hier haben wir also eine Wettbewerbskategorie. In gewisser Weise ist das die Beschreibung des Berufsfeldes. Es ist kein einfacher Weg. Andererseits ist es durch diesen „nomadischen“ – ich mag das Wort nicht so gern – Charakter, durch dieses viele Reisen und Herumkommen, luxuriös. Das Bedauerliche dabei ist, dass die Zeiträume der Aufenthalte immer kürzer werden und dadurch eine andere Form von Kontakt oder Wissen entsteht. Wenn ich drei Wochen in einer Residency bin, ist die Gefahr groß, dass ich mich in derselben Blase befinde und immer dieselben Leute treffe, egal ob man nun in Moskau oder Brüssel ist.

Apropos Blase: Hast du manchmal Angst, dass du Dinge produzierst, präsentierst oder kuratierst, die in einer gewissen Bubble entstehen und für eine gewisse Bubble gemacht sind?

Total. Vielleicht ist das der Grund, warum ich ImPulsTanz so schätze. Hier gibt es eine Breite in einem bestimmten Feld. Und das ist es auch, was mich bei [8:tension] speziell interessiert, diese Sichtbarkeit zu schaffen. Es ist mir wichtig, dass bestimmte Positionen auf ein anderes Publikum treffen. Ich glaube es gelingt ImPulsTanz wirklich gut, dass viele ZuschauerInnen etwa ins Casino am Schwarzenbergplatz oder ins Schauspielhaus kommen, die sonst nicht zu zeitgenössischem, jungen Tanz gehen würden.

Ich finde Blasenbildungen bedenklich, weil man ein falsches Selbstbewusstsein entwickelt. Ich bin versuchsweise eine alte Dialektikerin und würde auch mein Kuratieren immer in Wechselverhältnissen sehen. Mich interessieren Reibeflächen und Widersprüchlichkeiten. Da ist vielleicht hin und wieder eine Blasensituation dabei, aber die ist auch wichtig. Manchmal muss man in die Blase, um Sachen herauszufinden. Um Dinge zu entwickeln. Aber man muss dann auch wieder raus. Sobald ich aus der Blase draußen bin oder versuche sie zu kommunizieren, muss ich meine eigene Position befragen. Es geht darum, die eigene Position zu schärfen und das Erkennen der Welt zu schärfen.

NASA4NASA (c) Captain Mohamed

Geht es dabei auch um Relevanz? Bleibe ich, wenn ich innerhalb meiner Bubble entwickle, relevant für den oder das, was außerhalb steht, was ich durch die Bubble hindurch sehen kann, und wohin ich meine Hand ausstrecken kann?

Bei Relevanz geht es um Machtpositionen in einem Diskurs. Wer bestimmt, was relevant ist? Ich würde der Kunst oder den KünstlerInnen die Last der Relevanz nicht auferlegen. Legt man sie ihnen auf, killt das eine bestimmte Wildheit. Es ist eher eine Frage vom Schaffen einer Öffentlichkeit, in dem man bestimmten Positionen zu einer Relevanz verhilft, weil man es begründen kann, weil man überzeugt davon ist, weil man dafür brennt, weil man andere Dinge verhindern will. Die Frage der Relevanz würde ich also als Frage von Öffentlichkeit, Diskurs, Macht und Kommunikation sehen.

Was ist eine gute, gelungene Choreographie für dich und wie weit verstehst du den Begriff?

Die ganz alte Beschreibung geht zurück auf die antike Tragödie, die Bewegungen des Chores, genauer die aufgeschriebenen Bewegungen des tanzenden Chores. Etwas wie der Chor ist für mich immer noch einer der wichtigsten Körper einer Choreographie. Im Choreographischen sollen zwei Elemente enthalten sein: eine Form von Verhältnis zwischen AkteurInnen - und in den neueren Entwicklungen gehören da die Dinge dazu, die Pflanzen, die Zwischenräume, die Leerstellen – und ein sich miteinander Verständigen über gewisse Fragen wie: Was machen wir da? Wie sieht das aus? Wie kommuniziert das zu anderen Gruppen? Wie greift es ein, in den Lauf der Welt oder der Dinge?

Gelungen ist eine Choreographie für mich dann, wenn es mir als ZuschauerIn ermöglicht wird, dass ich eine Erfahrung mache, bei der ich hinterher anders herausgehe, als ich vorher hineingegangen bin. Das klingt sehr subjektiv, ist es aber nicht nur. Von da aus kann ich nämlich Kategorien oder Kriterien entwickeln. Es ist immer eine Mischung aus Handwerk und Selbstbewusstsein, das sich artikuliert. Die Frage ist, ob sich dieses Selbstbewusstsein auf die Formulierung der eigenen Identität beschränkt. Mir ist das mittlerweile zu wenig.

Deine Ausführungen haben etwas mit Veränderung und der Möglichkeit von Aktivierung zu tun. Wenn wir alle in Verbindung stehen, die Dinge, Pflanzen und Tiere miteingeschlossen, steckt doch das Momentum der Veränderung mit drinnen. Andererseits haben wir auch das Potential für Gewalt, Krisen, für Krieg. Auch diese Choreographien sind inhärent.

Absolut. Ich glaube ich habe gerade sehr abstrakt gesprochen, aber nehmen wir ein Beispiel. Mich hat überrascht und gefreut, um auf das diesjährige [8:tension] Programm zu kommen, dass wir mit Eric Arnal-Burtschy einen Choreograph und Tänzer im Programm haben, der gleichzeitig auch Soldat ist. Sein Stück ist ein Monolog. Darin betrachtet er das Kasernenleben unter einem choreographischen Aspekt und kommt auf einige seiner Einsätze im Tschad und in Mali zu sprechen. Das Potential zu Krieg ist da und wenn man sich die Verhältnisse anderswo ansieht, stellt sich die Frage, ob es eine Form der Auseinandersetzung gibt, und zwar jenseits der Betroffenheit, die man über das Ansehen von Bildern entwickeln kann.

Ist politisch derjenige, der politisch denkt oder diejenige, die politisch handelt? Könnte man eine Folie über diese Frage legen und sagen der Text, die Partitur, die choregraphische Notiz entspricht dem Denken, während die Ausführung, der Tanz dem Handeln entspricht? Tanz wäre demnach die Handlung, vielleicht auch die Ersatzhandlung.

Bei meinen diesjährigen Recherche-Reisen ist mir aufgefallen, dass Text wieder vermehrt in den Stücken auftaucht. Bei Tobias Koch, Thibault Lac & Tore Wallert oder bei Ellen Furey & Malik Nashad Sharpe, die Lyrics des Musikers Yung Hurn 30 Minuten lang loopen („Baby willst du chillen und so / Flieg mit mir durch Wien und so“). Dort wird eine Form von Loslassen, Teilen und Teilhabe thematisiert. Das würde ich als politischen Akt beschreiben.

Ich glaube es geht grundsätzlich darum herauszufinden, wie wir anders leben können und welche Visionen von einem Zusammenleben, einer Politik und Wirtschaft wir haben. Ich sehe gerade im jüngeren Feld in der Choreographie eine starke Bewegung, in der diese Frage gestellt wird und das ist politisch, ohne dass es im Titel stehen oder mit Worten belegt sein muss. Und deine Frage ist insofern interessant, als dass man diese Separation von Denken und Handeln ja eigentlich abschaffen möchte. Diese binären Ordnungen, gegen die nicht zuletzt FeministInnen schon seit 100 Jahren angehen, sollen aufgebrochen werden. Da gibt es eine große Bewegung, die sich fragt: Wie kann man Räume schaffen, in denen man eine andere Form von Tun oder Denken zumindest erproben kann? Und da käme jetzt durchaus wieder das Stichwort Relevanz daher. Mit diesen Dingen zu einer auch politisch wirksamen Relevanz zu verhelfen, finde ich als Kuratorin interessant.

Aber nein, wenn man mit politischem Handeln etwa das politische Handeln einer Frau Carola Rakete meint, dann betrachte ich den Akt des Kuratierens eines Tanzfestivals, den Akt des Aufführens einer Tanzveranstaltung nicht als politische Handlung. Null. Ich bin durchaus so weit Aktivistin oder ehemalige Aktivistin, dass ich für mich eine relativ klare Trennung habe, was künstlerisches Handeln und was politisches Handeln ist.

Ellen Furey & Malik Nashad Sharpe SOFTLAMP.autonomies (c) Michalska Kinga

Wie stehst du zu High-Class produzierten Mainstream-Choreographien wie Beyoncés Coachella-Auftritt?

Ich finde das geil. Man schult sich daran, es erreicht irrsinnig viele Leute und es werden noch mal ganz andere Fragen von Macht und Kommerzialisierung gestellt. Ich habe da keinen Dünkel zwischen E- und U-Kultur. Ich denke das ist vorbei.

Denkst du auch so etwas Großes kann politischen Impact haben? Oder gerade so etwas Großes?

Ich verwende das Wort politisch nicht affirmativ. Im Sinne von „die richtige Politik“.  Wenn man sich Power Couples wie die Obamas oder Beyoncé und Jay-Z ansieht, dann haben die einen gigantischen Impact und die Frage ist wiederum: Wie verhalten sich Subkulturen dazu? Für mich war damals Material Girl von Madonna eine Befreiung aus einem komischen, post-68er, sexuell befreiten Moralding in Niederbayern. Wenn solche Ideologien aufgebrochen werden, ist das interessant. Im Song selbst war alles drinnen, was man als junge Grüne Anfang der 80er-Jahre abgelehnt hat, aber für uns als Frauen war es gleichzeitig ein total wichtiger Song. Im ImPulsTanz Workshop-Department sind übrigens solche ChoreographInnen dabei, wie zum Beispiel Damien Jalet, der bei euch in der „Dance of Urgency“ Ausstellung vertreten ist und der immer wieder auch mit Madonna arbeitet.

Dance of Urgency hast du gesehen. Was sagst du zu dem Zugang, mit dem Bogomir Doringer die Ausstellung kuratiert hat, dass das Tanzen (in Clubs) Ausdruck kollektiver und individueller Krisen sein kann und sich in dessen Beobachtung Rückschlüsse auf Politik, Gesellschaft und repressive Systeme ziehen lassen?

Nebst Material Girl, war die erste Acid Party, auf der ich war, 1987 – ich habe lange in Berlin gelebt – eine totale rapture, und zwar in vielerlei Hinsicht. Am meisten hatte das in dieser Zeit mit Blickverhältnissen zu tun. Dieser dumpfbackige Disco-Voyeurismus à la „Männer stehen mit Bierflaschen vor ihren Schwänzen haltend herum und Frauen geilen sich einen runter“, wurde plötzlich durch Nebel, durch Drogen, durch Hardcore Stroboskope verhindert, weil das Sehen weg war. Zusammen mit dem Sound war das für mich ein Paradigmenwechsel.

Noch ein einschneidendes Erlebnis passierte im Jahr 1989. Ich kam damals aus den großen, militanten Hausbesetzungen und Wackersdorf-Demos. Und dann war da plötzlich diese Love Parade! Beim ersten Mal waren dort 200 Leute und ich dachte: die haben einen Knall. Jedes Jahr wurden es dann mehr. Allein die Tatsache, dass 500.000 Menschen fast nackt herumtanzten war für Berlin, für Westeuropa eine völlige Verschiebung. Das möchte ich als physische Erfahrung nicht missen in meinem Leben.

Langer Rede kurzer Sinn, ich finde die Ausstellung super, absolut wichtig. Man kann nur auf das Feature über die Ausstellung im BR hinweisen. Ich bin sehr glücklich über die Ausstellung, auch über die einzelnen Positionen. Die Kooperation mit dem Artist-in-Residence im Q21 Frédéric Gies ist außerdem eines meiner diesjährigen Highlights. Gies macht genau diese Art von Performances, aus denen ich rausgehe und dann ein bisschen anders bin als vorher.

Programm und Tickets ImPulsTanz - Vienna International Dance Festival: www.impulstanz.com

Die Fragen stellte Margit Mössmer für Q21

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