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Videocity x Vienna

Through Odesa’s raw, unfiltered lens

Nahaufnahme eines menschlichen Auges mit sichtbaren Wimpern und Hautstruktur in bläulichem Licht.
Philip Perlovsky, Eye Am Zoom, 1993

Filmvorführung mit einer Auswahl von Filmen, zusammengestellt und vorgestellt von Andrii Siguntsov.

Seit Anfang 2025 kuratieren das Museum of Odesa Modern Art (MoOMA) und Videocity gemeinsam Videoprogramme in Odesa, Bern und Newcastle. Andrii Siguntsov, Kurator des MoOMA, wurde eingeladen, eine Auswahl von Arbeiten aus der Sammlung des Museums zum Thema „Posthuman“ zusammenzustellen.

Die Auswahl setzt sich mit posthumanen Zuständen auseinander und bietet zugleich einen Überblick über die Film- und Videokunst aus der Oblast Odesa von den frühen 1990er-Jahren bis heute.

„Selbst wenn wir uns einem posthumanen Horizont nähern, liegt unsere Verbindung zum Menschsein in unserer Fähigkeit zu leiden, auszuharren und mit unseren vergänglichen Körpern zu ringen. Diese Arbeiten demontieren das anthropozentrische Weltbild und versetzen uns in Sphären, in denen Identität im Spannungsfeld von Technologie, Trauma und zeitlichem Wandel zerbricht und sich neu formt.“

Begrüßung durch: Mag. Yevheniia Rebrova, Botschaft der Ukraine in der Republik Österreich; Dr. Walter Seidl, Kurator

Vorstellung des Programms durch Andrii Siguntsov, Chefkurator des Museum of Odesa Modern Art

Künstler:innen: Dasha Chechushkova, Dmytro Ehrlich, Victor Malyarenko, Philip Perlovsky, Oleksiy Shmurak, AntiGonna, Ute Kilter und Olexandr Rojtburd

Leihgeber: MoOMA sowie eine Privatsammlung für die Arbeit von AntiGonna.

Videos und Künstler:innen

Mehrere hängende Vogelfiguren aus Holz mit Netzköpfen und roten Füßen an Schnüren.
Dmytro Ehrlich Pigeons, filmstill, 2015, Animation, with sound

Dmytro Ehrlich: Pigeons

Das Video „Pigeons“ von Dmytro Ehrlich dauert drei Minuten und einige Sekunden. Während dieser Zeit fliegen wir zwischen den erhängten Tauben hindurch, die sich mal heftig, mal sanft im Rhythmus der Klänge von Mozarts Requiem hin und her bewegen und Zweige des Friedens in ihren Schnäbeln halten. Man könnte meinen, dass die Tauben in Gruppen hängen – an einer Stelle befinden sich zwei oder drei ganz nah bei uns. Wir fliegen an ihnen vorbei, und nach einigen Takten Musik sehen wir eine weitere Gruppe in der Ferne. So wiederholt sich die Szene viele Male. Alle Tauben sehen gleich aus.

Es handelt sich nicht um authentische Friedenstauben. Sie ähneln den Vögeln Pablo Picassos lediglich durch die Zweige in ihren Schnäbeln. Picassos Tauben tragen jedoch gemäß der Bibel Zweige eines Olivenbaums, während Ehrlichs Vögel Zweige einer Akazie aus Odessa halten. Die Tauben des Künstlers aus Odessa ähneln echten Tauben nur durch ihren Kopf mit Schnabel und ihre roten Füße. Der Körper unserer Taube ist vollständig menschlich – der eines schüchternen, leicht gebeugten Mannes mit hochgezogener linker Schulter. Er trägt einen langen Mantel aus Brettern, der an einen Sarg erinnert. Vermutlich wurde er vor seiner Erhängung mit einem Netz über dem Kopf gefangen und mitsamt diesem aufgehängt. Dasselbe Netz ragt aus der rechten Tasche hervor.

Die Symbolik dieses Werks stellt Frieden und Unschuld, die traditionell mit dem Bild der Taube verbunden werden, der Grausamkeit und dem Tod gegenüber, die durch den Akt des Erhängens vermittelt werden. Dmytro Ehrlich entlarvt idealistische Vorstellungen von Frieden und Hoffnung. Die von den Kommunisten erfundene Legende, dass alle Völker stets Frieden wollen und Kriege ausschließlich von blutrünstigen imperialistischen Diktatoren aus eigenem Antrieb geführt werden, entspricht leider nicht der Wahrheit. Die Objekte des Künstlers sind Botschafter eines Friedens, der niemals Wirklichkeit wurde. Die Taube, die seit jeher mit Frieden assoziiert wird, verwandelt sich in eine Metapher für den Zusammenbruch von Illusionen und Hoffnungen. Das Werk führt uns den anhaltenden Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit vor Augen.

Frau mit zusammengebissenen Zähnen und angespanntem Gesichtsausdruck hält sich mit beiden Händen den Oberbauch.
Ute Kilter Knee, video still, 2000, with sound

Ute Kilter: Knee

„Knee“ erweist sich als ein exemplarisches Werk innerhalb des weitläufigen kreativen Kosmos von Ute Kilter und als wegweisender Beitrag zum posthumanen Video-Diskurs in Odessa. Die Arbeit verwebt unbearbeitetes Filmmaterial von der Knieoperation der Künstlerin – sowohl von außen als auch aus dem Körperinneren – zu einem fragmentierten Gefüge, in das ihre performativen Handlungen, archivalische Spuren der Ukrainischen Volksrepublik und die gespenstischen Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs eingeflochten sind. Diese Verschmelzung sprengt die Grenzen des Körperlichen und führt die Betrachtenden über das Organische hinaus in einen Raum, in dem das Selbst zugleich seziert und neu konfiguriert wird. Von 1993 bis 2000 überschreitet Kilter – Künstlerin, Performerin, Schauspielerin und Kuratorin – die Grenzen des menschlichen Mediums und erschließt mit Situation Ute das Fernsehen als einen Kanal für das uneingeschränkte Potenzial zeitgenössischer Kunst. Gemeinsam mit Viktor Malyarenko verbindet Kilter in ihrer künstlerischen Praxis Performance, Video und Film zu einer experimentellen Einheit. Dabei löst sie den anthropozentrischen Bezugsrahmen auf und legt ein fragmentiertes, posthumanes Odessa frei – eine Stadt, in der Identität zersplittert und Geschichte zu einem grenzenlosen Kontinuum mutiert.

Nahaufnahme von Erdnüssen und zerbrochenem Eis auf einer reflektierenden Oberfläche mit einer Person im Hintergrund.
AntiGonna Battle of coal: The Empire is not a Mother! Decay and decay…, video still, 2023, with sound

AntiGonna: Battle of Coal

Dieses Werk ist ein eindringlicher Ausdruck der Zerstörung, die der russische Terror hervorruft. Es geht über das bloße menschliche Leid hinaus und untersucht den Zerfall des anthropozentrischen Selbstverständnisses. Durch die Verbindung theatralischer Abstraktion mit dokumentarischen Fragmenten löst es die Grenzen traditioneller Wahrnehmung auf und führt uns in eine posthumane Auseinandersetzung mit einer zerrütteten Wirklichkeit. Hier werden Kreativität und Vorstellungskraft nicht zu Mitteln des Trostes, sondern zu Werkzeugen, um das Bewusstsein jenseits der körperlichen Begrenzungen des Opferseins neu zu gestalten. Die Performance pulsiert wie ein Signal – eine Aufforderung, das überholte Menschenbild hinter sich zu lassen und eine neu gedachte Existenz anzustreben, die sich aus dem Bann des fortwirkenden Schreckens befreit. In dieser Existenz sind Frieden und Gerechtigkeit keine endgültigen Ziele, sondern sich herausbildende Zustände innerhalb eines grenzenlosen, posthumanen Kontinuums.

Vier quadratische Ausschnitte zeigen eine leuchtende Zelle mit Nervenfasern, ein Gesicht mit VR-Brille, ein Auge in Nahaufnahme und zwei sich berührende Hände in einer surrealen Darstellung.
Philip Perlovsky, Eye am zoom, film still, 1993, with sound

Philip Perlovsky: Eye am zoom

Philip Perlovsky ist ein Videokünstler aus Odessa. In seiner Arbeit aus dem Jahr 1993 entwirft er eine psychedelische visuelle Erzählung, deren zentrales Bild ein Auge ist, das sich allmählich vergrößert und dabei vielschichtige Ebenen von Erinnerung, Schrecken und persönlichen Rückblicken offenlegt. Das Werk lässt sich als tiefgreifendes Eintauchen in die innere Welt des Bewusstseins verstehen, das an der Grenze zwischen menschlicher und posthumaner Existenz oszilliert. Es reflektiert den Wandel der Subjektivität in einer Ära, die von Technologie und dem Zerfall traditioneller Identitätsvorstellungen geprägt ist.

Das Motiv des Schreckens in Perlovskys Werk kann als Reaktion auf die postsowjetische Übergangszeit interpretiert werden – eine Zeit, in der alte Strukturen zusammenbrachen und neue noch nicht entstanden waren, sodass der Einzelne in einem Zustand der Unsicherheit und der Angst vor dem Unbekannten zurückblieb. Der psychedelische Stil dient hier nicht bloß als ästhetisches Gestaltungsmittel, sondern als Ausdruck der Fragmentierung des Bewusstseins und seines Versuchs, sich selbst zu begreifen, während traditionelle Kategorien des „Selbst“ ihre Bedeutung verlieren.

So wird das Auge zu mehr als einem bloßen Sehorgan: Es verwandelt sich in ein Portal zu einem posthumanen Zustand, in dem Erinnerung und Schrecken als eigenständige Wesenheiten existieren, losgelöst von dem Subjekt, aus dem sie hervorgegangen sind.

Mann mit kurzem Haar und Bart schreit mit geöffnetem Mund und ausgestreckten Armen auf einer Straße.
The Psychedelic Invasion of the Battleship Potemkin into the Tautological Hallucinosis of Sergei Eisenstein, video still, 1998, with sound

Olexandr Roitburd: The Psychedelic Invasion of the Battleship Potemkin into the Tautological Hallucinosis of Sergei Eisenstein

Oleksandr Roitburds Video „The Psychedelic Invasion of the Battleship Potemkin into the Tautological Hallucinosis of Sergei Eisenstein“ wirft einen ungewöhnlichen Blick auf Sergei Eisensteins berühmten Film „Panzerkreuzer Potemkin“. Eisenstein widmete den zentralen Teil des Films der Szene einer Hinrichtung von Einwohnern Odessas durch zaristische Soldaten auf der berühmten Potemkinschen Treppe. Diese Szene war vollständig erfunden, doch die Bilder dieser nie geschehenen Geschichte gelten als einige der bedeutendsten der Weltkinematografie.

Roitburd montierte das Filmmaterial neu und ergänzte es um zeitgenössische Szenen. Das Video beginnt mit einem Mann, der eine Affenmaske trägt, auf der Treppe sitzt und Geige spielt. Auf den Stufen stehen fröhliche Einwohner Odessas aus Vergangenheit und Gegenwart, winken mit den Händen und begrüßen alle. Diese Szene bildet eine Brücke zwischen verschiedenen Epochen. Auf der Treppe aus Eisensteins Film erscheinen eine Gestalt mit Beinstümpfen sowie Damen mit Sonnenschirm und Lorgnon, die jemandem freundlich zuwinken. Auch die Menschen der Gegenwart umarmen und küssen einander. Unter ihnen befindet sich der Künstler selbst. Alle Einstellungen werden drei- oder viermal wiederholt. Die übersteigerte Freude verleiht der gesamten Szene eine komische Wirkung.

Plötzlich beginnen die Schüsse. Ein Mann mit einem Affenkopf stürzt die Treppe hinunter, ebenso einige Jungen auf Rollschuhen. Auch andere Figuren aus der Gegenwart schreien vor Entsetzen und fallen zu Boden. Die Menschen im Film rennen die Treppe hinunter, ohne auf diejenigen zu achten, die bereits gestürzt sind. Wir sehen auch legendäre Figuren und Szenen: einen Kinderwagen, der die Treppe hinunterrollt, ein getötetes Kind und eine Frau, die es trägt, eine ermordete Frau mit Kneifer sowie einen Mann, der von den fliehenden Menschen niedergetrampelt wird. Zahlreiche klassische tragische Filmszenen kehren durch ihre vielfache Wiederholung ins Gegenteil um. Danach ist es unmöglich, Eisensteins Film noch zu glauben. Das Video endet damit, dass Roitburd sein Geigenspiel beendet und, von einer Kugel getroffen, zu Boden stürzt.

Hände halten ein rundes schwarzes Objekt mit einem Griff über einem Holztisch.
Oleksiy Shmurak, ASMR Interrogation, video still, 2019, with sound

Oleksiy Shmurak: ASMR Interrogation

ASMR bezeichnet ein Gefühl der Entspannung, das durch verschiedene akustische und visuelle Reize ausgelöst wird. Es handelt sich um ein Phänomen, das heute im Internet weit verbreitet ist. Der Künstler unterläuft die gängige, vermeintlich harmlose Vorstellung dieses Phänomens der Massenunterhaltung, indem er ein ungewöhnliches ASMR-Video schafft, in dem Reize und angenehme Empfindungen durch Objekte hervorgerufen werden, die Gewalt und Zwang symbolisieren.

Mann steht vor einer rauen Wand mit der weißen Schrift "CAMEL".
Ute Kilter and Victor Malyarenko, Die Strasse, video still, 1997, with sound

Ute Kilter and Victor Malyarenko: Die Strasse

Das Video „Die Strasse“ von Ute Kilter und Viktor Malyarenko beginnt mit der Darstellung einer belebten Straße in einer Großstadt. Wir sehen, wie die Künstlerin auf einen Maschendrahtzaun zuläuft, der unvermittelt vor ihr auftaucht. Der Mitautor erscheint im Bild, mit kurz geschnittenen Haaren und in einem Herrenanzug. Beide nähern sich getrennt voneinander einer Wand mit der Aufschrift „camel“. Im Hintergrund ist eine Rede Wladimir Lenins gegen den Kapitalismus zu hören.

Es folgt eine Tanzszene neben einem Netz, das von einigen Personen geflochten wird. Auch die beiden Kunstschaffenden beteiligen sich an dieser Arbeit. Kurze Textpassagen, Nachrichtenausschnitte und Bilder von Fußgängern, die die Straße entlanggehen, wiederholen sich immer wieder. Die Künstlerin und der Künstler werfen sich wiederholt und in unterschiedlichen Variationen gegen den Maschendrahtzaun. Von entgegengesetzten Seiten aus versuchen sie, über den Zaun zu klettern, um einander zu begegnen. Manchmal scheint es ihnen beinahe zu gelingen, sodass sie es erneut versuchen. Doch alle Versuche sind vergeblich. Jeder bleibt auf seiner Seite des Zauns. Am Ende führt eine Gruppe von Personen einen Tanz am Netz auf. In gewisser Weise nimmt diese Welt die Züge einer mystischen Unendlichkeit und Unausweichlichkeit an, und alle Handlungen innerhalb dieser Welt werden sinnlos.

In ihrer Arbeit schaffen die Kunstschaffenden eine Atmosphäre der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die das Leben unter den Bedingungen von Einschränkungen prägt. Das Video enthält zahlreiche symbolische Bilder: Das Wort „camel“ steht für eine beschwerliche Reise durch die Wüste sozialer Schwierigkeiten; die rasch wechselnden Nachrichten verweisen auf die Instabilität des modernen Lebens; und die erfolglosen Versuche, einen vollkommen funktionslosen Zaun zu überwinden, verkörpern das sinnlose Bestreben, der hoffnungslosen Unterdrückung durch gesellschaftliche Beschränkungen zu entkommen. Es ist ein endloser Kampf um unerreichbare Freiheit und Selbstverwirklichung in einer Welt, in der Grenzen und Barrieren zum Bestandteil des Alltags geworden sind.

Das Werk von Ute Kilter und Viktor Malyarenko veranschaulicht, wie menschliche Freiheit unter Bedingungen aussieht, in denen gesellschaftliche, politische und kulturelle Strukturen unsichtbare Zäune errichten. Es zeigt zugleich, wie das Leben in einer Welt beschaffen ist, in der ein Zaun, ein Netz und kommunistische Propaganda unverzichtbare Bestandteile der Existenz sind.

Person sitzt an einem Tisch in einem großen, leeren Raum mit abblätternder Wandfarbe und sichtbaren Rohren an der Wand.
Dasha Chechushkova, intermezzo, video still, 2022, sound

Dasha Chechushkova: intermezzo

Dieses Werk reflektiert die emotionale Erfahrung, einen Krieg aus der Ferne mitzuerleben, während man in einem anderen Land lebt. Anstatt die räumliche Distanz unmittelbar darzustellen, vermittelt die Künstlerin ein Gefühl der Eingeschlossenheit und inneren Anspannung. In der abgeschiedenen Umgebung ihres Ateliers erschafft sie traumartige Szenen – Fragmente von Erinnerungen und Vorstellungen –, die sie Schicht für Schicht aufbaut und fortwährend überarbeitet. So entsteht eine Animation, die die Grenzen zwischen Persönlichem und Politischem verschwimmen lässt und sich wie ein spannungsgeladener visueller Essay oder eine düstere, surreale Erzählung entfaltet.

Triggerwarnung: Die letzten drei Arbeiten enthalten Gewaltdarstellungen.

Mit freundlicher Unterstützung von:

MQ Raum D

Grauer 3D-Arealsplan des Museumsquartier Wien mit rot markiertem Bereich an der Stelle des Raum D
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