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Skulpturen für die Nischen

Sonia Leimer & Tillman Kaiser

Fassade eines Gebäudes mit drei großen, weißen, geometrisch gefalteten Skulpturen an den Fenstern und einer Person mit gelber Jacke vor einem weißen Geländer
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pilcher
MQ Vorplatz

Auf Einladung des MuseumsQuartier haben sich die Künstler:innen Sonia Leimer und Tillman Kaiser mit den Nischen der Hauptfassade auseinandergesetzt. Beide haben Skulpturenprojekte entwickelt, die sich formal und inhaltlich auf die barocke Architektur von Fischer von Erlach beziehen.

Das MuseumsQuartier, ursprünglich als kaiserliche Hofstallungen erbaut, zählt zu den Hauptwerken des Barockarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach. Aus Anlass des Gedenkjahres „300 Jahre Johann Fischer von Erlach“ initiiert das MuseumsQuartier ein besonderes Kunstprojekt.

Die Künstler:innen Sonia Leimer und Tillman Kaiser haben Skulpturenprojekte für je drei Nischen entwickelt, die sich formal und inhaltlich auf die barocke Architektur beziehen. Aus ihrer jeweils eigenen künstlerischen Praxis heraus sind sie zu ganz unterschiedlichen skulpturalen Lösungen für die Nischen gekommen.

Tillman Kaisers künstlerisches Werk ist geprägt von der Wechselwirkung zwischen Techniken und Formen, die aus der Malerei, Fotografie, Skulptur und Architektur kommen. Er selbst bezeichnet seine Arbeiten als Collagen, die einen breiten Assoziationsraum – von Natur bis zu Science-Fiction – öffnen. Die geometrischen Formen scheinen sich aus der Nische heraus zu entwickeln und nutzen die architektonische Gegebenheit als konstituierenden Kontext. Die Bänderung der Fassade durch waagrechte Fugen, die sich auch durch die Nischen zieht, hat Kaiser als Anknüpfungspunkt für seine Arbeiten herangezogen. Dort haften seine Skulpturen an den Nischen an, verbinden sich mit der strukturierten Bausubstanz. Die Symmetrie der Fassade findet ihre Entsprechung in jener der Skulpturen. Die sich wiederholenden Formen bilden den Rhythmus dieser Arbeit. „Meine streng geometrischen Formen sind nicht Produkt komplizierter Berechnungen. Vielmehr ergeben sie sich organisch im Laufe des Arbeitsprozesses ähnlich dem Wachstum einer Pflanze, die streng nach ihrem genetischen Bauplan wächst und sich dennoch ganz an ihre Umgebung anpasst“, erläutert der Künstler die Formfindung. Einer scheinbar inneren Logik folgend, haben sich seine Skulpturen als stilisierte Formen aus der organischen Welt in den Nischen eingenistet. Sie haben sich an die Architektur angedockt und entwachsen als abstrakte Blüten aus geformtem weißem Edelstahl geheimnisvoll anmutend der barocken Fassade.

Fahrradfahrer vor einem historischen Gebäude mit drei großen, geometrisch-facettierten Skulpturen an der Fassade und mehreren abgestellten Fahrrädern an einem Fahrradständer.
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler

Sonia Leimer schafft Skulpturen, Videos und Installationen, die sich zwischen realen Orten und imaginären Kontexten bewegen. Ein Schlüsselthema in ihren Arbeiten ist der Raum, sowohl der „urbane Raum“ als auch der „Weltraum“. Sie transformiert Räume und Objekte, die in konkreten historischen Zusammenhängen entstanden sind, um Geschichte und gesellschaftlichen Wandel erfahrbar zu machen. Die skulpturalen Arbeiten mit dem Titel „Platzhalter“ sind aus Aluminium gefertigt und fügen sich in eine gleichnamige Werkserie ein, die seit 2010 entsteht. Diese Skulpturen dienen als zeichenhafte Markierung von Leerstellen, reservieren vorübergehend einen (physischen) Raum und halten ihn frei. Die „Platzhalter“ sind eigenständige, selbstreferenzielle Variablen, die Codes des Raums und des Materials artikulieren. In ihrer Arbeit im MuseumsQuartier entschied sich Sonia Leimer für Aluminium: Durch seine spiegelnde Materialität verschmelzen Skulptur und Architektur, und auch die Umgebung wird reflektiert. Die Verwendung des leeren Raums als Material für eine Skulptur eröffnet eine neue Sichtweise auf den Raum selbst. Indem sie das Volumen der Raumlücke nutzt, um ihre Form zu definieren, wird der Raum selbst zu einem Teil des Kunstwerks und eröffnet neue Perspektiven auf die Beziehung zwischen Raum und Form. Die Skulptur wird nicht nur zu einem positiven Objekt, das den Raum füllt, sondern zeigt auch das Vorhandensein des Raums an sich, so Sonia Leimer.

Zwei junge Frauen rennen vor einer hellen Fassade mit einer großen, weißen, geometrischen Skulptur.
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pilcher
Architektonisches Detail mit vertikal angeordneten, spitz zulaufenden weißen Paneelen in einer Nische einer hellen Fassade
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler
Drei Personen gehen vor einer hellen Fassade mit zwei Fenstern und zwei zugemauerten Fensteröffnungen, im Vordergrund Pflanze
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler
Geschlossenes, hellgraues, bogenförmige Kunstinstallation aus Metall in einer Fensternische auf einer hellgelben Fassade mit horizontalen Linien
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler
Leere Nische mit Bogen in einer hellen Fassade und Zweigen mit kleinen Blättern im Vordergrund
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler
Fassade eines historischen Gebäudes mit zwei silbernen Kunstinstallationen vor Fensternischen und einem offenen Fenster in der Mitte
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler
Skulptur aus weißen, dreieckigen Flächen in einem Nischenfenster eines gelb gestrichenen Gebäudes
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler
Halbrunder Metallspiegel an einem Stab vor einer gelblichen Fassade mit rechteckigen Fenstern
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Klaus Pichler

Tillman Kaiser wurde 1972 in Graz geboren und hat an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Friedensreich Hundertwasser und Hubert Schmalix studiert. Seine Werke werden international ausgestellt, u. a. Consortium Museum, Dijon (2022); Belvedere 21, Wien (2021); Saatchi Gallery, London (2019); Secession, Wien (2019); Villa Borghese, Rom (2016); Kunsthalle Krems Factory, Krems (2013).

Sonia Leimer wurde 1977 in Meran, Italien, geboren und hat Architektur an der Technischen Universität Wien und der Akademie der bildenden Künste Wien bei Nasrine Seraji, Joost Meuwissen und Odile Decq studiert. Ihre internationale Ausstellungstätigkeit umfasst Veranstaltungen wie die 4. Industrial Art Biennale in Pula, Kroatien (2023); das Lofoten Art Festival (2022); die Biennale für Architektur in Venedig (2021); die Vladivostok Biennale für Visuelle Kunst (2017); die Moscow Biennale in Russland (2013 und 2015) sowie die Manifesta 7 in Rovereto, Italien (2008). Zu ausgewählten Einzelausstellungen gehören die Charles Jencks Foundation in London (2024); der Neue Kunstverein Wien (2022); Museion Bozen, Italien (2020/21); MAN in Nuoro, Italien (2020), und ISCP, New York (2019), sowie das Los Angeles County Museum of Art in Los Angeles, Kalifornien (2014).

Im Rahmen eines geladenen Wettbewerbs des MuseumsQuartier haben folgende Künstler:innen Kunstprojekte für die Nischen konzipiert: Tillman Kaiser, Luisa Kasalicky, Markus Hanakam & Roswitha Schuller, Sonia Leimer und Russell Maltz. Eine Fachjury hat zwei Projekte, jene von Tillman Kaiser und Sonia Leimer, zur Realisierung ausgewählt.

Idee: Bettina Leidl
Jury: Andreas Fogarasi, Karola Kraus, Bettina Leidl, Mona Hahn, Cornelia Offergeld
Kurator:innen: Verena Kaspar-Eisert und Simon Mraz
Produktion: Maria Stephan, MuseumsQuartier Wien

MQ Vorplatz

Grayscale architectural site map of the MuseumsQuartier Wien. The map includes various labeled structures and surrounding roads.
© MuseumsQuartier Wien