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Dance of Urgency

Ein dunkler Ausstellungsraum mit mehreren großen Videoprojektionen, die eindringliche Szenen an die Wände werfen. In der Mitte steht eine Bank unter den Deckenprojektoren.
© MuseumsQuartier Wien, Foto: Sam Beklik

25.04. - 01.09.2019

Jeder Art von Tanz liegt eine Symbolik zu Grunde. Tanz kann eine Form von Socializing sein, eine Kunstform und/oder Ausdruck ritueller Praktiken.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der „Rave-o-lution“ im März 2018 vor dem georgischen Parlament in Tiflis, den anti-faschistischen Protesten in Berlin und antiken dionysischen Ritualen, und warum kommt der Soundtrack zu diesen Ereignissen von Drums von AfroamerikanerInnen? Inwieweit spiegelt die Tanzkultur in Clubs die aktuelle gesellschaftspolitische Situation und den Kampf von Einzelpersonen oder Gruppen wider? Die von Bogomir Doringer kuratierte Ausstellung versucht, eine Definition für „Dance of Urgency“ zu finden, die auf jenen Emotionen beruht, die aus persönlichen und kollektiven Krisen entstehen.

bunter Hintergrund mit einem weißen Schriftzug "Dance of Urgency"
© MuseumsQuartier Wien

Persönliche Erinnerungen an Clubbings während des NATO Bombardements von Belgrad im Jahr 1999 waren ein Auslöser für den serbisch/niederländischen Künstler und Kurator Bogomir Doringer (Studierender Ph.D. Artistic Research, Universität für angewandte Kunst Wien) sich mit Tanz als einem politischen Phänomen zu beschäftigen. 2014 begann Doringer im Rahmen des Projekts „I Dance Alone“, Tanzkultur in Clubs und Formen kollektiven wie individuellen Tanzes weltweit zu dokumentieren.

In Ländern, wo das soziale System zusammengebrochen ist und kulturelle Einrichtungen fehlen, dienen Clubs als Drehscheibe, wo sich Menschen treffen, bewegen und bilden, wo aber junge Leute auch beeinflusst oder manipuliert werden. Wenn man daher Clubs als Orte versteht, in denen sich soziale Veränderungen widerspiegeln, kann eine Untersuchung der Tanzkultur dazu beitragen, das Verhalten von Massenbewegungen vorherzusagen und zu verstehen.

Gleichzeitig thematisiert Doringer die Rückkehr politischer Kräfte auf die Tanzfläche, die insbesondere im Westen mit dem Aufkommen rechter Tendenzen immer präsenter wird. Autoritäre politische Systeme begünstigen das Entstehen neuer Ideen und Bewegungen – so verleihen z.B. Jazar Crew (Palästina) als Star der palästinensischen elektronischen Musikszene, Mamba Negra (Brasilien), das sich auf das Empowerment von Frauen und LGBTQ+ konzentriert, oder die Gruppe Cxema (Ukraine), deren Rave-Veranstaltungen mittlerweile Treffpunkte für die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen und Communities progressiver Jugendlicher sind, der Jugend ein Gesicht, eine Stimme, einen Sound.

Eine Person mit verschränkten Armen, die ein dunkles Hemd trägt, spricht in einem schwach beleuchteten Raum. Ein Text identifiziert sie als Künstlerin, und in den Bildunterschriften wird eine Ausstellung erwähnt.
© Dance of Urgency

Interview mit Bogomir Doringer

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Wenn Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu tanzen, beeinflussen sie ihre körperlichen und emotionalen Bindungen mit ihren Bewegungen . Im Mai 2018 führten staatliche Streitkräfte eine Razzia im berühmten Techno-Club BASSIANI in Tiflis/Georgien durch. Der Club war und ist bekannt für seine aktivistischen Aktionen. Am Tag nach der Razzia gingen 15.000 Menschen auf die Straße, um gegen die Razzia zu protestieren und erreichten schließlich, dass sich die Regierung offiziell entschuldigte. „We Dance Together, We Fight Together” war das berühmt gewordene Motto dieser Tage. Der Experimentalfilm „Dance or Die“von Naja Orashvili und Giorgi Kikonishvili (BASSIANI) geht der politischen Bedeutung von Tanz nach und zeigt, wie Club-Räume in Georgien einer neuen Jugendkultur den Weg ebneten. Die Ereignisse in Tiflis inspirierten andere Bewegungen weltweit. So trafen sich kurze Zeit später in Berlin 70.000 Menschen, um gegen Faschismus zu protestieren. Initiiert wurde der Protest von „Reclaim Club Culture“, einem Netzwerk von Partyveranstalter:innen, Kulturaktivist:innen und Forscher:innen.

Eine Person in einem schwarzen Kapuzenpulli und einer Mütze sitzt in einem modernen Raum mit einer Holzbank und Tischen; im Bild wird sie als Menschenrechtsaktivist aus Georgien vorgestellt. Der Ton ist ruhig und ernst.
© Dance of Urgency

Interview mit Paata Sabelashvili

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Nikolaus Geyrhalter dokumentiert in seiner Arbeit „Homo Sapiens“ verlassene und vergessene Orte auf der ganzen Welt. In der Ausstellung ist der Film als Architektur ohne Menschen zu sehen. Es ist ein apokalyptisch erscheinendes Extrem der Leere, das sich nach menschlicher Partizipation sehnt. Die Klanglandschaft ist beruhigend und zugleich verstörend. Eine ungeklärte wie traumatische kollektive Vergangenheit sucht im Heute nach neuen Orten der Erinnerung, nach neuen verlassenen Zonen, in denen ein „Dance of Urgency“ stattfinden kann.

Ein Mann in dunkler Jacke und Mütze spricht selbstbewusst vor einem verschwommenen Hintergrund. Ein eingeblendeter Text identifiziert ihn als Mark Flash, einen DJ und Produzenten von Underground Resistance.
© Dance of Urgency

Interview mit Mark Flash

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Cornelius Harris und Mark Flash, beide Teil des historisch bedeutsamen Musikkollektivs Underground Resistance (UR), schufen exklusiv für die Ausstellung ein Video-Essay, das die Geschichte von musikalischen Formen des Widerstands von Afroamerikaner:innen dokumentiert und zeigt, wie wesentlich Musik schon immer für Freiheitskampf in den USA und darüber hinaus war. Der Sound reicht von Trommeln, die – nachdem man erkannte, dass sie verschlüsselte Botschaften enthielten – in den Vereinigten Staaten verboten wurden, bis hin zu Gospel-Liedern, die Moses‘ Flucht aus Ägypten als Code für einen Ausweg aus der Sklaverei verwendeten. Es folgen Sounds, die als musikalische Begleitung der Bürgerrechtsbewegung dienten, Techno bis hin zu Underground Resistance.

Eine Frau lächelt in einem Museumsflur mit warmer Beleuchtung. Im Hintergrund ist eine Marmorstatue verschwommen zu sehen. Der Text lautet: „Chiara Baldini, Wissenschaftlerin.“
© Dance of Urgency

Interview mit Chiara Baldini

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Chiara Baldini und Rafael Kozdron übertrugen den Essay „The Politics of Ecstasy“ in eine Videoarbeit, die die Geschichte der Repression der Bacchanalien im antiken Rom im Jahr 186 v. Chr., erzählt. Die Arbeit zeigt Gemeinsamkeiten von alten Dionysischen Praktiken und heutigen elektronischen Musikevents, die oft ähnliche Wertvorstellungen haben (wie Inklusivität, LGBTQ+-Community, weibliches Empowerment, sichere Räume usw.). Das Original des „Senatus Consultum de Bacchanalibus“, die Bronzetafel mit dem Senatsbeschluss über das Verbot des Kults im Römischen Reich ist Teil der Antiken-Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien.

Anne de Vries’ Video „Critical Mass: Pure Immanence“ zeigt die Entwicklung der elektronischen Musik in den 1970er-Jahren, die oftmals dazu diente, kleine (oft queere) alternative Communities zu stärken. Gleichzeitig untersucht De Vries die bombastischen Inszenierungen von heutigen „Electronic Dance Events“ als Unterhaltung für die Massen sowie als Ausdruck der Macht der Musikindustrie und deren Potential zur Manipulation von Menschenmengen.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Beobachtung von tanzenden Körpern die Aufmerksamkeit der Zusehenden aktiviert. Die Ausstellung lädt Besucher:innen ein, in dieses Forschungsprojekt über Clubkultur einzutauchen. „Dance of Urgency“ basiert auf dem laufenden Projekt „I Dance Alone“ und ist eine Fortsetzung der Ausstellung wie des Symposiums „Trans-Forma“, die beide in Zusammenarbeit mit der Abteilung „Social Design – Arts as Urban Innovation“ der Universität für angewandte Kunst Wien entstanden sind.

Eine Person sitzt in einem schwach beleuchteten Raum, trägt ein dunkles Hemd und hat eine Sonnenbrille auf dem Kopf. Der Text lautet: „Mein Name ist Jan Beddegenoodts, ich bin Filmemacher.“
© Dance of Urgency

Interview mit Jan Beddegenoodts

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Teilnehmer:innen:

Chiara Baldini* (ITA), Jan Beddegenoodts (BEL), Irina Birger* (NLD), Heather Dewey-Hagborg* (USA), Shohei Fujimoto* (JPN), Nikolaus Geyrhalter (AUT), Frédéric Gies* (FRA), Kélina Gotman (GBR/CAN), Dan Halter (ZAF), Dimitri Hegemann* / TRESOR (GER), Sampo Hänninen (FIN), Cornelius Harris & Mark Flash / UNDERGROUND RESISTANCE (USA), Andrew Herzog (USA), iN Club (AZE), Damien Jalet (BEL/FRA), JAZAR CREW (PSE), Liese Kingma* (NLD) / Clubcommission Berlin, Rafael Kozdron (POL), Yarema Malashchuk* & Roman Himey* / CXEMA (UKR), MAMBA NEGRA (BRA), Pedro Marum* (PRT), Moniker* (NLD), Naja Orashvili* & Giorgi Kikonishvili* / BASSIANI (GEO), Francesco Pusterla* (ITA), RECLAIM CLUB CULTURE, Paata Sabelashvili* (GEO), Derek Sivers (USA), SPACEMAKER (NLD), Anna Vasof (AUT), Ari Versluis (NLD), Anne de Vries (NLD)

*Artists-in-Residence des Q21/MQ

Ausstellungsdisplay: Sam Beklik, Universität Mozarteum Salzburg, Abteilung für Bühnen- und Kostümgestaltung, Film- und Ausstellungsarchitektur


Ausstellungsgraphik: Alessia Scuderi


Die Begleitpublikation wird mit Unterstützung der Abteilung Social Design — Arts as Urban Innovation“ der Universität für angewandte Kunst Wien produziert.

Veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem

Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres

MQ Freiraum

Grauer 3D-Arealsplan des Museumsquartier Wien mit rot markiertem Bereich an der Stelle des MQ Freiraum
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