Áron Kútvölgyi-Szabó
Key Facts
Die vielfältigen Arbeiten von Áron Kútvölgyi-Szabó (*1985) lassen sich als ein fortlaufendes Langzeitprojekt verstehen, das etwa im Jahr 2012 seinen Anfang nahm. Im Zentrum seines Interesses stehen zwei Themenfelder: der Begriff des Wissens sowie das Verhältnis von Bildlichkeit und Räumlichkeit. In seinem Ansatz sind beide untrennbar miteinander verwoben und lassen sich durch eine Form des kritischen Perspektivismus erfassen, der sich einerseits durch räumliche Sensibilität und Wahrnehmung auszeichnet und andererseits durch eine kritische Auseinandersetzung mit der Unzulänglichkeit und Willkürlichkeit bildbasierter Quellen. Im Laufe der Jahre hat er diese Fragestellungen sowohl theoretisch als auch praktisch aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersucht. Gegenwärtig münden diese Überlegungen in seine künstlerisch-wissenschaftliche Doktoratsforschung zu den Phänomenen der Postfaktizität, alternativen Fakten und Verschwörungstheorien.
Am Ende seines Bildhauereistudiums entwickelte er geschweißte Metallstrukturen, die die verborgenen, immateriellen Ebenen individueller Denkweisen als mentale Netzwerke sichtbar machten und zugleich die Konstruiertheit menschlichen Denkens thematisierten. In späteren Projekten beschäftigte er sich mit der Fehlbarkeit von Wahrnehmung und Erinnerung sowie mit den vielfältigen kognitiven Verzerrungen, die unser Weltbild und unsere Überzeugungen tagtäglich prägen. Darüber hinaus setzte er sich mit erkenntnistheoretischen Fragestellungen sowie den Konzepten von Gegenwissen (counterknowledge) und Gegenfakten (counterfacts) auseinander. Diese zeigen sich etwa in den alternativen Erzählungen von Klimawandelleugner, Anhänger von QAnon oder Vertreter der Flache-Erde-Theorie, die dem wissenschaftlichen Konsens konkurrierende Wirklichkeitsmodelle entgegenstellen. In jüngster Zeit richtet sich sein Fokus verstärkt auf die Symptome des gegenwärtigen postfaktischen Zeitalters und dessen Vorläufer: künstlich erzeugte Zweifel, radikalen Skeptizismus, Wissenschaftsleugnung sowie einen zunehmend fließenden und entgrenzten Begriff von Tatsache und Wahrheit.
Aufgrund seiner früheren Studien in Philosophie und den Geisteswissenschaften ist sein künstlerischer Ansatz überwiegend forschungsbasiert und konzeptuell. Er arbeitet mit einer breiten Palette an Materialien und visuellen Medien, verbindet häufig analoge und digitale Techniken und integriert ortsspezifische Elemente in seine Arbeiten. In den letzten Jahren hat sich sein Schwerpunkt zunehmend auf Fotografie sowie den Einsatz von Grafikdesign und 3D-Software verlagert. Daraus entstehen gerahmte Collagen und Wandarbeiten aus geplotteten Vinylfolien.
Seine künstlerische Praxis basiert jedoch nach wie vor vor allem auf Mixed-Media-Installationen, die das Publikum dazu einladen, sich durch den Raum zu bewegen, um die verschiedenen Ebenen und möglichen Lesarten der Arbeiten zu erschließen. Die Anordnung der einzelnen Elemente folgt dabei einer inneren Logik und Vernetzung. Darin verdichtet sich der Kern seiner Methode: Erst der Wechsel der Perspektive und die Art und Weise, wie wir einzelne Zusammenhänge miteinander verbinden, bestimmen die Bedeutung dessen, was wir wahrnehmen.
Einzel- und Duoausstellungen
2021
Klára Herczeg Prize (mit György Jovánovics), Labor Gallery, Budapest
2020
Deep Down in the Rabbit Hole, Glassyard Gallery, Budapest
2019
Flatiness (mit Ines Karčáková), PINCE, Budapest
2018
The Other Side of the Fourth Wall, Gallery Panel, Prague, CZ
Patterns of Counterknowledge, G99 Gallery, Brno, CZ
[B/R]elief, Parthenon Frieze Hall, Budapest
2017
Gettier's Cave, Óbudai Társaskör Gallery, Budapest
Clustering Illusions, Collegium Hungaricum Berlin, D
Distortions, Chimera-Project Gallery, Budapest
2016
Ignorances, Labor Gallery, Budapest
In Between Grids, Plusmínusnula Gallery, Žilina, SK
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021
#IFeelSeen, MODEM, Debrecen
Breathturn – OSTRALE Biennale O21, Dresden, D
Universum – SEFO 2021 Triennial, Olomouc Museum of Art, CZ
2020
Wittgenstein, aqb Project Space, Budapest
2019
Seasonal Effect, Glassyard Gallery, Budapest
Esterházy Art Award, Ludwig Museum, Budapest
Leopold Bloom Art Award, Ludwig Museum, Budapest
Anatomy of Photography, Rómer Flóris Museum, Győr
2018
Optimistic Exhibition, Barcsay Hall, Budapest
Distracting Modernity, Šopa Gallery, Košice, SK
Time of our lives?, MODEM, Debrecen
Wave, net, sand, acb Gallery, Budapest
2017
Esterházy Art Award, Ludwig Museum, Budapest
Deep end, m21 Gallery, Pécs
Viennacontemporary, Chimera-Project Gallery booth, Wien, A
Autism as metaphor, Institute of Contemporary Art in Dunaújváros (ICA-D)
2016
Interference, Trafó Gallery, Budapest
On the edge, Tabačka Gallery, Košice, SK
Ongoing h/Histories, Studio Gallery, Budapest
Derkó 2016, Kunsthalle, Budapest
Standing in front of objects, Deák Erika Gallery, Budapest
2015
Radical Memories, Chimera-Project Gallery, Budapest
Mindsets, Studio Gallery, Budapest
POSITIONS Berlin Art Fair, Chimera-Project Gallery booth, Berlin, D
Recollection, OFF-Biennále Budapest, private apartment, Budapest
2014
Free Fall, Chimera-Project Gallery, Budapest
The Future is Today!, Institute of Contemporary Art in Dunaújváros (ICA-D)
Enter/ing, Studio Gallery, Budapest
Auszeichnungen (Auswahl)
2021
Klára Herczeg Prize (with György Jovánovics)
2019
Nomination for Esterházy Art Award
Nomination for Leopold Bloom Art Award
2018
Visegrad Research Scholarship at the Open Society Archives
2017
Nomination for Esterházy Art Award
2015-17
Derkovits Gyula Scholarship
Projektinfo
In den vergangenen Jahren kreisten meine Arbeiten um die Themen Postfaktizität, alternative Fakten und Verschwörungstheorien. Sowohl theoretisch als auch praktisch interessiere ich mich insbesondere für die Rolle von Bildern und Räumlichkeit bei der Entstehung von Wissen sowie bei der Herausbildung konkurrierender alternativer Deutungen. Diese Fragestellungen sind Teil meiner langfristigen künstlerischen Forschung, die ich derzeit im Rahmen meines DLA-Programms (Doktoratsstudium) an der Ungarischen Universität der Bildenden Künste unter dem Titel Post-Truth Phenomenon in the Light of Critical Perspectivism verfolge.
Da ich mich dem Abschluss meiner künstlerischen Forschung nähere und mit der Ausarbeitung meiner Dissertation beginne, halte ich es für besonders wichtig, meine Erkenntnisse mit Fachkolleg außerhalb Ungarns zu diskutieren, die andere Perspektiven auf dieses Forschungsfeld einbringen können. Mein vorrangiges Ziel während der Residency ist daher der fachliche Austausch und – nach Möglichkeit – die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler der Universität Wien, die in diesem Themenbereich forschen.
Neben diesen vielversprechenden Gesprächen möchte ich während meines Aufenthalts in Wien auch einen neuen Werkkomplex entwickeln. Mein Ziel ist es, künstlich erzeugten Zweifel – etwa in Form von Hyper-Skeptizismus oder antiwissenschaftlichen beziehungsweise anti-Expert – als ein „Produkt“ zu untersuchen, das sich auf unterschiedlichen Ebenen zeigt: von der Wissenschaft bis hin zur politischen Kommunikation. Dabei möchte ich die Strategien und Instrumente der PR- und Werbebranche aufgreifen, um die Methoden und Praktiken der heutigen „Merchants of Doubt“ offenzulegen.
Da Österreich seit jeher über eine herausragende und progressive Szene im Bereich visueller Kommunikation und Grafikdesign verfügt, bin ich überzeugt, dass es für die Entwicklung dieses Projekts äußerst bereichernd sein wird, mich intensiv mit diesen visuellen Einflüssen auseinanderzusetzen.