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MQ Direktor Christian Strasser im Gespräch

Interview

MQ Direktor Christian Strasser im Gespräch

Christian Strasser, der mit 31.12. das Unternehmen verlässt, blickt auf seine 10-jährige Amtszeit zurück.

Wie verbringen Sie Ihre letzten Wochen im MQ?

Ich mache das, was ich immer gemacht habe. Ich komme früh am Morgen und drehe eine Runde am Areal. Das ist ein wertvolles Ritual für mich. Ich habe das MQ in dieser Morgenstimmung am liebsten. In dieser Zeit sammle ich Ideen und verschaffe mir einen Überblick. Danach gehe ich ins Büro, die Arbeit ist auf den letzten Metern nicht weniger als früher.

Haben Sie keine Zeit zurückzublicken?

Doch, natürlich, das ergibt sich automatisch. Wenn ich am Areal unterwegs bin, dann habe ich dieser Tage viele Erinnerungen vor Augen. Doch ich bin nicht der Typ, der in der Vergangenheit lebt. Deshalb war es mir auch wichtig, das Jubiläum anlässlich „20 Jahre MQ“ im heurigen Sommer und Herbst für aktuelle Projekte zu nutzen und keine Zeitreise zu unternehmen. Die Netzinstallation von Janet Echelman und die Projektionen von Lumine haben viel Sinn ergeben, gerade in dieser schwierigen Zeit der Pandemie. Viele Menschen tendieren ja dazu, in andere Realitäten zu flüchten, weil die Gegenwart momentan nicht sehr erbaulich ist. In dieser Hinsicht haben wir eine wichtige Arbeit geleistet. Wir haben den Menschen eine schöne Zeit und gute Impulse im Hier und Jetzt ermöglicht. Wer unter dem Netz gestanden ist, der konnte den momentanen Augenblick genießen.

Ein bisschen zurückblicken sollten wir dennoch. Vielleicht beginnen wir mit den letzten eineinhalb Jahren der Pandemie.

Die Pandemie ist für alle Menschen eine schwere Krise. Für die Kunst- und Kulturszene ist es doppelt schwierig. Warum? Kunst und Kultur brauchen die Menschen, um ein sinnvolles Leben gestalten zu können. Die Kulturschaffenden trifft es doppelt. Sie wollen ihre wichtige sinnstiftende Arbeit, soweit es möglich ist, erledigen, obwohl sie selbst am Limit sind, auch oft existentiell. Im MQ haben wir deshalb nach Möglichkeiten gesucht, für die Kunstschaffenden und für das Publikum sehr vieles zu ermöglichen. Wir haben etwa das Artist-in-Residence-Programm so gut es ging weiterlaufen lassen. Wir haben den Fokus auf den öffentlichen Raum gelegt, denn hier konnten wir auch während der Pandemie herausragende Projekte umsetzen. Im Jahr 2020 haben wir es zwischen den Lockdowns geschafft, die „MQ Libelle“ zu eröffnen und 2021 sind uns viele Projekte gelungen, die pandemietauglich waren und ein großes Publikum erreichen konnten, angefangen vom Projekt „Echoes – a voice from uncharted waters“, der große Wal von Mathias Gmachl, der die Menschen ins Staunen versetzte, aber gleichzeitig auch die Problematik von Klimawandel und Artensterben thematisiert hat. Mit einigen besonderen Installationen in der MQ Art Box, zuletzt von Eva Petric, und natürlich mit der Netzinstallation von Janet Echelman und den Projektionen von Lumine haben wir ein ambitioniertes Programm umgesetzt, das die Menschen begeistert und ihnen schöne Momente geschenkt hat.

Kommen wir zurück auf die „MQ Libelle“. Haben sich hier die Erwartungen erfüllt?

Die „MQ Libelle“ hat das MQ verändert. Ich hatte immer gehofft, dass diese Erweiterung neue Impulse gibt. Dass sie aber so gut angenommen wird und in ihrer Symbolik als neues Wahrzeichen so gut funktioniert, das konnte niemand vorausberechnen. Eigentlich sind es im Wesentlichen drei Punkte, die funktionieren. Erstens, die „MQ Libelle“ ist von den MQ Architekten Laurids und Manfred Ortner in Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen Brigitte Kowanz und Eva Schlegel als neues Symbol für das MQ geplant worden. Es ging ihnen darum, das, was dieses Areal ausmacht, in einem Baukunstwerk zu manifestieren: das Zusammenspiel von unterschiedlichen Kunst- und Kultursparten. Zweitens, und das ist eine wichtige städtebauliche Entwicklung: Wir erleben bei allen zentralen Bauprojekten in europäischen Städten viele Diskussionen. Das ist verständlich, denn der Raum ist eng, das Alte soll geschützt werden. Die „MQ Libelle“ ist im Grunde die Fortsetzung eines Prinzips, das schon den Erfolg des ganzen MQ ausgemacht hat: Neues zulassen auf alten Fundamenten. Laurids Ortner hat es oft gesagt: Es geht nicht um Repräsentationsbauten, sondern darum, wie man die Dinge, die vorhanden sind, am besten mit neuen Ideen kombinieren kann. Und drittens: die „MQ Libelle“ eröffnet eine neue Perspektive auf die Stadt und sie demokratisiert den Blick. Dachterrassen sind Luxus und meist nur privat oder gegen Bezahlung nutzbar. Die „MQ Libelle“ ist eine öffentliche Terrasse für alle Menschen. Wir haben in einem Jahr Betrieb gesehen, wie sehr die Menschen es lieben, davon Gebrauch zu machen.

„Die MQ Libelle hat das MQ verändert. Ich hatte immer gehofft, dass diese Erweiterung neue Impulse gibt.
Dass sie aber so gut angenommen wird und in ihrer Symbolik als neues Wahrzeichen so gut funktioniert, das konnte niemand vorausberechnen.“

Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Mir war es wichtig, dass Besucher*innen, die ein paar Wochen nicht am Areal waren, immer wieder etwas Neues entdecken. Jeder konnte also die Veränderung miterleben. Was man aber vielleicht nicht so sieht: Das MQ ist unter den Kulturarealen dieser Welt eines der bekanntesten und beliebtesten, es wird häufig als Best-Practice-Beispiel genannt. Ich habe in den vergangenen Jahren intensiven Kontakt zu anderen Arealen aufgebaut. Einerseits hatten wir oft Besuch von internationalen Delegationen. Andererseits ist das MQ mittlerweile in großen internationalen Netzwerken wie dem Global Cultural Districts Network vertreten. Wir haben heuer ein Buch herausgebracht, das erste dieser Art, in dem Kulturareale von allen sechs Kontinenten vorgestellt werden und einige maßgebliche Expert*innen zu Wort kommen – selbstverständlich gibt es neben der deutschen eine englische Ausgabe, die begeistert angenommen wird. Wir Kulturareale sind eine internationale Gemeinschaft mit Mitgliedern aus aller Welt, von Nairobi bis Helsinki. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und tauschen unser Wissen aus, mehr und mehr arbeiten wir auch bei Kunstprojekten zusammen.

Wenn Sie an das MQ vor zehn Jahren zurückdenken, als Sie es übernommen haben, und dann an heute denken. Worin liegen die größten Unterschiede?

Vor zehn Jahren war die Welt eine andere. Heute wissen wir, dass es Probleme gibt, die kann man nicht als Einzelner oder Einzelne lösen, sondern die betreffen alle, jede und jeden, die ganze Welt. Als Kulturareal muss man sich in solchen Zeiten umso mehr fragen, wofür man zuständig ist, welche Aufgaben man für die Gesellschaft zu erfüllen hat.

Und welche Aufgaben sind das?

Ich habe mir und meinem Team und auch den Direktorinnen und Direktoren und Partnerinnen und Partnern am Areal immer wieder die Frage nach unseren Kernaufgaben gestellt, manchmal vielleicht sogar zu viel. Ich glaube, wenn man ein Kulturareal leitet, muss man sich ständig hinterfragen. Wir haben viele Antworten gefunden und unsere Arbeit danach ausgerichtet. Das MQ erfüllt eine wichtige Funktion als Ort der Kommunikation, als Raum zum Austausch. Ins MQ kommen Gäste aus aller Welt, Kunstschaffende, Eltern mit Kindern, Jugendliche, Freundeskreise, Kunstbegeisterte, eigentlich jeder und jede Stadtbewohner*in kommt hier einmal oder öfter her. Und das bietet Chancen. Man sieht hier, an diesem Ort, dass ein gutes und friedliches Miteinander möglich ist, das stiftet Frieden in der Gesellschaft – und diesen Rahmen gilt es so gut wie möglich zu gestalten und zu erhalten. Daran anknüpfend ist die Kunst- und Kulturvermittlung eine zentrale Aufgabe. Die Themen, die es in der Gesellschaft gibt, die finden sich auch hier am Areal, in Form von Kunst und Kultur, die zum Nachdenken anregt und Lösungen bietet. Es gab immer Angebote, die man sehr einfach wahrnehmen kann, kleine und große, Konzerte und Kunstinstallationen, und vieles mehr. Das MQ möchte die Menschen abholen und weiterreichen in die einzelnen Institutionen und ihnen sagen: Das ist Kunst, seht es Euch an, macht die Reise, sie wird toll!

Es klingt so, als ob sie noch immer brennen würden für das MQ. Kein bisschen Wehmut?

Natürlich brenne ich noch immer für das MQ. Der einfache, alte Spruch „Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist“, der trifft sehr auf meine Situation zu. Mir war es immer wichtig, am Puls der Zeit zu bleiben. Eine neue Direktion sieht jetzt wieder alles mit frischen Augen, und das ist auch sehr wichtig. Und wehmütig bin ich nicht. Denn mir war es in den vergangenen zehn Jahren immer bewusst, dass ich in einer großartigen Institution an einem der schönsten Plätze im Land arbeiten darf, ich habe das meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oft gesagt. Es war ein Geschenk.

Was wünschen Sie dem MQ für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass das MQ ein dynamischer Ort bleibt. Das, was gut ist, soll bleiben, der friedliche Treffpunkt, an dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen und eine gute Zeit miteinander verbringen können. Möge das Prinzip „Auf alten Fundamenten Neues zulassen“ weiterhin so gut funktionieren, möge weiterhin das Miteinander den Egoismus Einzelner besiegen, mögen immer wieder gute Ideen und Kunstprojekte umgesetzt werden und den Menschen Impulse geben, Freude bereiten und zu einer besseren Gesellschaft beitragen.

Fotos: Peter Rigaud

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