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“Ich finde es nicht spannend Inseln zu produzieren.”

“Ich finde es nicht spannend Inseln zu produzieren.”

Am 14. Juli startet mit dem ImPulsTanz Festival eines der weltweit bedeutendsten Festivals für zeitgenössischen Tanz. Tausende professionelle Tänzer_innen, Choreograf_innen und Dozent_innen begegnen sich in Wien. Gerade haben die Anmeldungen zu den Workshops begonnen und wir haben Rio Rutzinger, künstlerischer Leiter der „Workshops und Research Projekte“  zum Gespräch getroffen.

Herr Rutzinger, ihr Job ist es Menschen für zeitgenössischen Tanz zu begeistern. Meine Großmutter hat immer gesagt: Die Jugend tanzt ja nimmer! Wurde früher tatsächlich mehr getanzt als heute?

Standard wurde mehr getanzt. Das ist übrigens auch mein Tanz-Background, ich war Standardtänzer. Ich hatte Auftritte am Land und tanzte auf diversen Bällen so lustige Tänze wie Chacha, Rumba oder Jive. Es war völlig normal das zu machen. Das hat sich sicher geändert. Für meinen Sohn etwa ist der Tanzkurs überhaupt nicht wichtig.

Für mich war der Tanzkurs wichtig. Aber eher um dort zu schmusen…

Ja! Das erste Mal schmusen und Taschengeld bekommen für den Drink nach der Tanzstunde… Das war für viele Menschen ein wichtiger Schritt. Der Tanzschritt war ein Freiheitsschritt. Heute kommt uns als Tanzfestival sicher die aktuelle Lifestyle- und Fitnessbewegung, die in den Medien und in der Mode zu beobachten ist, entgegen. Die Menschen kommen über Yoga und Pilates zum Tanz. Zeitgenössischen Tanz habe ich nie als gesamtgesellschaftlich wichtig empfunden, weil er schwierig zu rezipieren ist. Darum wird er auch immer ein Minderheitenprogramm bleiben. Das Bestreben, dass man Lust an der Bewegung fördert, ist aber extrem wichtig. Das sollte kein Minderheitenprogramm sein. Wir haben Workshops in Schulen gemacht und arge Zustände in Sachen Bewegungsmangel festgestellt. Es soll selbstverständlich bleiben, dass Menschen sich in irgendeiner Weise mit ihrem Körper auseinandersetzen. Es geht einem ja nicht nur körperlich besser, sondern auch psychisch. Auspowern, laufen, was immer man tut, es tut einfach gut. Damit tragen wir mit unserem Tanzfestival auch zu einem Wohlgefühl einer Gesellschaft bei. Man sollte nicht so tun, als wäre der Körper nur ein Transportmittel für den Kopf.

Andererseits muss man sagen, dass diese Lifestyle- und Fitnessbewegung von ökonomischen Interessen angetriebenen wird. Der so in Schwung gebrachte Selbstoptimierungswahn lässt Menschen ihren Körper als die neue Kirche sehen. Jedes Individuum scheint sich um die perfekte Ernährung, die perfekte Bewegung und das perfekte Erscheinungsbild zu kümmern. Wenn sich jeder aber nur mehr um den eigenen Körper kümmert, geht doch etwas verloren, in der Auseinandersetzung mit anderen Themen oder Menschen. Was hält Impulstanz dem entgegen – obwohl oder gerade weil man Bewegung propagiert?

Ich bin froh im zeitgenössischen Tanz gelandet zu sein. Es ist eine Tanzform, die ihren Wert nicht auf Virtuosität legt. Sie produziert auch keine Superstars. In der Szene arbeiten Leute, die einen exponierten Beruf anstreben, das Stehen auf der Bühne – und die gleichzeitig wissen, dass sie nie berühmt werden. Anne Teresa De Keersmaeker kann auf der Straße gehen und wird nie schreiend belagert werden. Ebensowenig ist das Merce Cunningham oder Pina Bausch passiert. Pina Bausch vielleicht in Wuppertal. Cunningham habe ich oft genug erlebt, ich habe zwei Jahre in New York gelebt. Der ruft ein Taxi und kein Mensch weiß, wer er ist. Er ist eine der größten Figuren, die wir in unserem Bereich überhaupt haben. Das heißt, diese Menschen machen das wirklich aus inhaltlichem Antrieb und Interesse.

Es ist zwar als Berufsbild schräg, wenn die Fertigkeit gar nichts mehr wert ist, aber als Gesamtbild einer Szene finde ich es irrsinnig toll, dass es inklusiv ist. Du bist der Körper, der du bist, und du bist der Geist, der du bist. Wenn die Idee gut ist, wird dein Stück Interesse finden. Dafür musst du weder 37 Pirouetten drehen, noch über vier Oktaven singen können. Du musst versuchen ein Publikum zu erreichen, das du mit dem Inhalt, der dich interessiert, ansprichst. Das kann auch einfach eine Idee sein. Ich bin deswegen auch nie in die Konzeptkunstkritik hineingefallen. Denn die Konzeptkunst hat einen Raum aufgemacht, der genau das ermöglicht, was mir an diesem Bereich so sympathisch ist, dass man eben kein Virtuosität-Faschist wird.

Um auf die Frage zurückzukommen: Wir können bei Impulstanz das Angebot machen sich ohne Druck auszuprobieren und damit meinen wir auch ohne den Druck irgendwie gut aussehen zu müssen. Es geht darum zu triggern, dich mit deinem Körper auseinanderzusetzen. Und nein, du musst auch deine Ernährung nicht ändern und nein, du musst nach dem Kurs nicht anders aussehen oder gerader gehen. Die „Kirche Körper“ ist eine andere schräge Entwicklung.

Die Workshop-Leiter müssen also auch mit einem gewissen state of mind an die Sache herangehen. Wie suchen Sie die Leute aus?

Der Fluch an so einem Workshopprogramm ist, dass verglichen wird. Du musst es als LehrerIn aushalten, dass sich ein David Zambrano, der seit 15 Jahren dabei ist, ein Publikum aufgebaut hat, das viele Leute anzieht. Wenn du neu bist oder ein spezielleres Programm anbietest, ist es völlig normal, dass weniger Leute kommen. Diese Art von Selbstbewusstsein braucht jeder Dozent und jede Dozentin um bei ImPulsTanz anzutreten. Andererseits ist es mir wichtig, dass niemand ein Alphatier ist. Wir bekommen etwa 300 Bewerbungen im Jahr. Über die Professionalität sagt der Lebenslauf viel aus, aber ob jemand ein Egoist ist oder jemand, der über den Tellerrand schaut, das ist etwas, das ich herausfinden muss. Das ist auch meine eigentliche Arbeit: Abzufragen, ob die in meine „soziale Skulptur“ passen. In unserem Bereich gibt es immer viele Männer, die mir die Tür einrennen, Frauen sind meist passiver. Das versuche ich auszugleichen. Im Tanzbereich gibt es 80% Frauen und 20% Männer. Männer haben es dadurch einerseits leichter, andererseits haben sie in der Gesellschaft vom Teenager-Alter weg viel mehr kämpfen müssen um als Tänzer nicht sofort gedisst zu werden.

Auf jeden Fall suche ich nach Menschen, die sich nicht nur für das eigene Fach interessieren. Egal ob Hip Hop, Butoh oder zeitgenössischer Tanz – die LehrerInnen sollen auch die TeilnehmerInnen dahingehend sensibilisieren offen zu sein. Ich finde es nicht spannend Inseln zu produzieren.

Diese LehrerInnen bringen internationale Tanzstile nach Österreich. Denken Sie, dass auch nichtprofessionielle TänzerInnen aus dem Ausland unseren Zugang zu Tanz verändern werden? Ich war neulich auf einer Party in der Wohnung von drei jungen Irakern. Plötzlich fanden sich die Wiener Gäste, die auf Homepartys nie tanzten, bei einem traditionellen Reihentanz wieder…

Klar, das Gute beim Tanz ist ja, dass du keine Sprachbarriere hast.

Gibt’s eigentlich eine Möglichkeit für Flüchtlinge die Workshops gratis oder günstiger zu besuchen?

Die EU will ja ständig Projekte fördern, in denen man den schwulen Muslim mit Behinderung zur zeitgenössichen Kunst bringt. Alle Minderheiten, die unsere Gesellschaften haben, haben weitaus basalere Sorgen, als zeitgenössische Tanzfreaks zu werden. Die bräuchten Akzeptanz in der Gesellschaft, eine Möglichkeit arbeiten zu gehen, eine Möglichkeit nicht gedisst zu werden. Natürlich kann Kultur dazu beitragen, aber diese Menschen in eine Jan Fabre Performance zu schleppen ist für sie vielleicht nicht unbedingt eine Beglückung. Für die meisten Menschen, die hier leben ist das ja schon keine Beglückung.

Wir haben letztes Jahr mit Jugendlichen gearbeitet, mit denen wir auch immer noch in Kontakt sind. Die haben Hip Hop Workshops gemacht, wo ich selbst das Gefühl hatte, das hat was gebracht, weil es ihnen Spaß gemacht hat. Heuer werden wir mit diesen Jugendlichen weiter zusammenarbeiten und wir werden – in direktem Austausch mit Flüchtlings-Unterkünften – sowohl unbetreuten Jugendlichen als auch Erwachsenen Gratis-Workshopplätze anbieten. Was wir gelernt haben aus dem Vorjahr ist, dass das Wichtigste ist, die Menschen nicht als “Flüchtling Adham” einzuladen sondern einfach als “Adham”, daher werden wir keine Spezialworkshops anbieten, sondern versuchen, die Leute in die laufenden Workshops reinzubringen, die sie interessieren.”

Sprechen wir abschließend über euer neues Workshop-Konzept: Was steckt hinter dem visual arts x dance Programm?

Es geht darum den Dialog zwischen Bildender Kunst und Tanz zu fördern. Viele Museen und Kunsthäuser versuchen ja Live Art in ihre Räume zu bringen. Einige ChoreographInnen interessieren sich auch dafür, trotzdem weiß man oft nicht wie die jeweilige andere Szene tickt. Gerade weil wir im MuseumsQuartier zuhause sind, finde ich das natürlich interessant. Das visual arts x dance Programm wird je einE bildende KünstlerIn und eine ChoreographIn in einer Blind-Date-Situation zusammenbringen. Das Format Blind Date hat durchaus Sprengkraft, darum bin ich sehr gespannt, was passieren wird. Es wird eine geladene Begegnung werden, weil die Betriebe so anders sind.

Das „normale Publikum“ hat Zugang zu diesen Blind Dates?

Von den 40 Workshops schätze ich, dass sich ca. 30 an ChoreographInnen und Bildende KünstlerInnen im professionellen Sinn richten. Es wird jedoch einige geben, die Interessierten wie mir offen stehen. Ich bin weder Choreograph noch bin ich bildender Künstler, doch ich bin an beiden Kunstformen interessiert. Mich interessiert der Diskurs oder der mögliche Disput. Es sind verschiedene Praxen, die sich oft an ähnlichen Themen orientieren, aber sie völlig anders angehen. Wenn nach einem dieser Workshops am Ende des Tages eine gemeinsame Praxis entsteht, gut. Wenn nicht, dann trägt es vielleicht zu gegenseitigem Verständnis bei.

ImPulsTanz Ticket Office im Q21
Vorverkauf für die Workshop- und Performancetickets
Ort: Q21/Kulturbüros, Mezzanin / MQ Haupteingang, Museumsplatz 1
Kontakt: T +43.1.526 52 57-52, workshopoffice(at)impusltanz.com
www.impulstanz.com

Interview: Margit Mössmer, Twitter: @margit_moer
Fotos: Susanna Hofer susannahofer.tumblr.com

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