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"Die richtigen Autoren sind sich zu fein für einen Krimi."

"Die richtigen Autoren sind sich zu fein für einen Krimi."

Einer dieser Regentage im MuseumsQuartier. Lust auf Literatur. Wir klingeln bei Writer-in-Residence Jonila Godole und eine bekannte Melodie dringt durch die Tür nach draußen. Zum feierlichen Takt von Prokofjews Tanz der Ritter schreiten wir zu ihrem Schreibtisch, auf dem kein Utensil zufällig zu liegen scheint. Sofort beginnt die Autorin, Übersetzerin, Journalistin und Professorin zu sprechen, fast muss man sich die erste Frage erkämpfen.

Frau Godole, Sie übersetzen gerade Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften ins Albanische. Wie packt man so ein Mammutwerk an – einfach hinsetzen und bei Seite 1 anfangen?

In diesem Fall bin ich ins kalte Wasser gesprungen, denn ich dachte, wenn ich im Vorfeld zu viel darüber lese, wird mich der Mut verlassen. Ich habe erst später verstanden, wie viel Arbeit es ist. Man muss sehr viel recherchieren, vor allem als jemand, der nicht aus Österreich kommt, nicht in der Zeit gelebt hat und auch nichts darüber in der Schule gelernt hat. Das verlangsamt natürlich die Arbeit, aber ich liebe was ich mache und es ist eine Bereicherung. Ich muss sehr viel Sekundärliteratur lesen. Interessant ist es ab und zu auch andere Sprachen zu konsultieren. Hier habe ich L'uomo senza qualità, die italienische Ausgabe. Eine sehr gute, wie ich finde, von Einaudi, 1957. Ich  habe hier also einen Kollegen zur Seite. Übersetzungsarbeit ist eine sehr einsame Arbeit. Es gibt Tage, an denen ich nur übersetze. Musil erlaubt es nicht, dass man zu lange Pause macht.

Wie wird so eine Übersetzung denn eigentlich finanziert, sprich bekommen Sie Geld von Österreich und Albanien – Sie schaffen und erwecken hier schließlich ein Kulturgut?

Das stimmt. Aber es ist nicht so einfach. Der Verlag hat anfangs Geld zugesagt, es war ja die Idee des Verlages das Buch herauszugeben. Dann haben sie sich für Subventionen beworben, was aber abgelehnt wurde. Meistens wird die Übersetzung gegenwärtiger Literatur gefördert. Man denkt vielleicht: Wie viele Leser wird Musil in Albanien haben? Ich arbeite einfach weiter, auch wenn die Lage ein bisschen unsicher ist.

Haben Sie auch Interesse zeitgenössische AutorInnen zu übersetzen?

Ja natürlich. Ich habe Julia Franck (Die Mittagsfrau) übersetzt. Ich leite ein Literaturfestival in Tirana und übersetze Texte von aktuellen Autoren. Aber ich bin schon ein bisschen bei den toten Autoren hängen geblieben. Thomas Bernhard, Rilke, Hölderlin, Kleist, die Klassiker eher.

Wie geht es der Literaturszene in Tirana?

Im Vergleich mit der Population, das sind ungefähr 3 Millionen Einwohner, gibt es ziemlich viele Schriftsteller oder Autoren. Aber seit 25 Jahren hat sich trotzdem keine neue Literatur entwickelt, die wirklich radikal oder modern ist. Die richtige Sprache ist glaube ich noch nicht gefunden. Wir haben zwar einige wenige große Autoren, Ismail Kadare zum Beispiel, der seit einiger Zeit auf der Liste der Anwärter auf den Nobelpreis steht. Insgesamt ist man aber noch auf der Suche. Die Autoren sind auf der Suche und vor allem beschäftigt man sich mit der Vergangenheit, nicht mit der Zukunft. Ich sehe, dass jetzt eine junge Generation von Autoren kommt, die in der Demokratie geboren ist. Diese Generation wird einen interessanten Blick auf die Vergangenheit werfen, einen nicht so verbissenen Blick. Ansonsten ist die Lyrik stark entwickelt, das hat vielleicht mit der Russischen Schule zu tun. Es gibt viele Lyriker oder selbst ernannte Lyriker in Albanien.

Es gibt ein, zwei aus dem Kosovo stammende Autoren, die sich mit Unterhaltungsliteratur beschäftigen und die fassen langsam Fuß. Man wird sehen, ob es Eintagsfliegen sind. Für die Künstler in Albanien – und hier vor allem für die Literaten – ist der Unterhaltungswert in ihrer Kunst nicht maßgebend. Ein Künstler sollte elitär sein, deswegen ist es problematisch wie die Literatur dasteht. Man möchte großartige Literatur machen und orientiert sich an den Klassikern, aber die jungen Leser wollen etwas anderes. Diese Art von Literatur ist aber noch nicht da. Die richtigen Autoren sind sich zu fein für einen Krimi, andererseits schaffen sie auch keine Literatur, die wirklich zum Leser geht. Sie bewegen sich nur in einem kleinen Kreis. Die literarische Szene in Albanien ist sehr elitär und gar nicht populär. Deswegen kommen dann Autoren wie Danielle Steele oder andere englischsprachige Autoren mit Büchern, die man an einem Tag lesen kann, zum Zug. Die verkaufen sich sehr, sehr gut.

Schaffen Sie es denn in Ihrem eigenen literarischen Werk dem künstlerischen Anspruch und dem Anspruch auf Unterhaltung in gleicher Weise nachzukommen?

Das ist eine Frage, die mich seit langem beschäftigt. Ich finde, dass meine Literatur elitär ist, auch wenn ich das so gar nicht wollte. In der letzten Zeit stelle ich mir wirklich die Frage, ob es Sinn macht nur für sich und für ein paar Leute zu schreiben. Entweder man schreibt für alle oder man schreibt Tagebücher.

Mit meinem Theaterstück Der Sandmann, das hier im Wiener Burgtheater 2010 eine szenische Lesung hatte, war es auch wiederum so. Ich habe das Stück vor kurzem in Nürnberg erlebt und manche Teile des Stückes fand ich super. Aber ich dachte auch ich hätte das Ganze etwas leichter, unterhaltsamer ausgedrückt. Man kann ja auch intelligent unterhalten. Nehmen wir Kehlmann. Er ist ein sehr guter Schriftsteller was den Stil anbelangt, mit Tiefe, trotzdem ist er unterhaltsam. Auch Goethes Werther war ein Unterhaltungsbuch. Es ist der Traum jedes Autors eine Leserschaft  zu haben. Und nicht eine kleine. Alles andere ist Doppelmoral. Man möchte elitär sein, aber zum Leser gehen. Da man das nicht schafft, sind die Leser Schuld. Aber die Leser sind die, die sie sind, und die waren immer so. Literatur, Kunst, Film, all das muss auch Spaß machen! Warum sollten die Leute – wo sie heute doch so viel Angebot und Ablenkung haben, vor allem im Internet, durch die neuen Medien – warum sollten sie sich mit einem Buch beschäftigen? Es muss entweder spannend sein wie Harry Potter oder alltäglich philosophisch, damit es einen über den Tag hilft oder es muss Literatur sein, in der einer sich selbst findet. Ansonsten hat man keine Zeit dafür.

Vielleicht kann Literatur aber auch schön weh tun, grandios schmerzhaft sein. Sie kann doch erschüttern, einen Schmerz und eine Tragik besitzen, die man auf den unzähligen Oberflächen im Netz nicht so schnell erleben kann?

Tragische Bücher, ich weiß nicht.

Emotionen. Emotionen können einen im Positiven und Negativen überwältigen.

Emotionale Bücher sind sehr gefährlich. Diese Bücher können leicht kitschig sein.

Ich lese gerade ein Buch, in dem ein junges rumänisches Mädchen immer weiter abrutscht und in die Prostitution getrieben wird. Was sie alles durchmachen muss, ist ziemlich schrecklich zu lesen und dabei ist es überhaupt nicht effekthascherisch oder gefühlsbetont geschrieben. Es ist eher nüchtern erzählt.

Und gefällt Ihnen das Buch?

Gefällt mir gut, ich habe es aber noch nicht zu Ende gelesen.

Sehen Sie?

Haha, Punkt für Sie. Jedenfalls ist es ein trauriges Buch. Man hat die Hoffnung, dass etwas Positives passiert, aber da passiert einfach nichts Positives.

Kein Richard Gere, der das Mädchen rettet.

Nein.

Das Problem ist immer, wenn man als Autor aus einer kleinen Kultur kommt, aus einem kleinen Land, wo es eine Sprache gibt, die nur von dieser Population gesprochen wird, also in meinem Fall maximal sechs Millionen auf der ganzen Welt, ist es schwierig sich wirklich auf Themen zu konzentrieren. Was meine ich damit? Ich meine damit, dass eine Leserschaft im Westen, in Westeuropa, egal ob das in Deutschland, Österreich oder England ist, Albanien aus der Berichterstattung, aus den Medien kennt. Selten war man da oder sogar nie. Wie die Medien so sind – und ich kenne das allzu gut, ich war mit 18 Jahren bereits Journalistin und arbeite mit diesem Beruf jetzt als Professorin an der Uni –, tendieren sie dazu das Negative groß zu machen, denn das sind News. Das Positive gibt selten eine Schlagzeile. Wenn ich als albanischer Autor etwas schreiben möchte, erwartet man von mir doch genau diese Themen, die Sie gerade angesprochen haben, dieses rumänische Mädchen. Man erwartet, dass man über Prostitution, Menschenhandel und Armut schreibt. Man wird also in eine Schublade gesteckt und es ist schwierig da herauszukommen. Natürlich gibt es Künstler – das gab es immer – die daraus Kapital schlagen. Das ist auch in Ordnung, man liefert dem westlichen Leser genau das, was er lesen möchte. Ist Albanien so, dann reden wir über Blutrache, für den westlichen Büchermarkt.

In Österreich gibt es das ja auch. Je nachdem wo du herkommst, trägst du dieses Paket vor dir her wie deine Literatur aussehen sollte oder könnte. Hierzulande ist es das Thema des Nationalsozialismus, das irgendwie, auch wenn sich das Werk gar  nicht damit beschäftigt, hineingepackt werden sollte.

Das stimmt.

Ich wundere mich oft, dass die Übersetzer mit ihrer Tätigkeit scheinbar nicht im öffentlichen Bewusstsein sind. Woran liegt das eigentlich, versteht man die Übersetzungskunst nicht?

Es ist eine Seltenheit, dass auf den Titelseiten der Bücher in Italien, Albanien oder auch Deutschland geschrieben steht: „übersetzt von“. Meistens bleibt der Übersetzer dezent auf der zweiten oder dritten Seite des Buches. Man sieht ihn immer noch als einen Diener des Autors. Einerseits verstehe ich das völlig. Übersetzer sind Diener für den Originalautor, aber in der eigenen Sprache bist du fast ein neuer Autor, denn du kannst das Buch nicht 1:1 übersetzen. Auftraggeber sagen gerne: Die Übersetzung sollte exzellent oder perfekt sein. Das ist sehr problematisch. Wer bestimmt denn was perfekt ist und wann ist etwas perfekt? Perfekt ist, wenn mir ein Leser sagt er dachte das Werk wäre auf Albanisch geschrieben und nicht übersetzt worden. Das wäre ein richtiges Kompliment.

Damit man Musil heute, 2015, verstehen kann, muss man eine Mehrleistung in der Übersetzung bringen ohne ihn zu verraten. Man muss Mittel finden, dass die Sprache auch das Jahrhundert reflektiert in dem wir heute leben. Ansonsten macht das keinen Sinn.

Welche schlechten Übersetzungen sind Ihrer Meinung nach im Umlauf?

Kafka. Franz Kafka ist der einfachste Autor, wenn man nur seine Worte betrachtet. Es sind ganz banale, alltägliche Worte. Aber wie diese Worte kombiniert werden und was da für eine Gedankenkonstruktion dahintersteht – das macht seine Sprache so schwierig. Jeder Übersetzer versucht ihm heute mehr Leben einzuhauchen, weil es so trocken aussieht. Das ist problematisch. Man verblumt ihn und manche der englischen Übersetzungen – das ist eine andere Schule des Übersetzens – versuchen zu interpretieren. Sie interpretieren. Sie interpretieren das Wort, weil es sonst für den amerikanischen Markt nicht zu verstehen ist. Auch bei Musil. Ich verstehe das einerseits, aber es ist eben nicht das, was er meinte. Es ist eine andere Art des Übersetzens. Man möchte den Autor ganz nah an den Leser bringen, ihm gewisse Schwierigkeiten lassen, ihn aber nicht unlesbar machen. Da könnte man stundenlang darüber streiten, ob das nun gut ist oder nicht. Am Ende würde Robert Musil vielleicht selbst sagen: Hauptsache die Kids da drüben in Amerika verstehen mich!

mehr über Jonila Godole

Interview: Margit Mössmer
Fotos: Eva Ellersdorfer-Meissnerová

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