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"Die Idee vom Übermenschen ist eine zwangsneurotische Aktion."

"Die Idee vom Übermenschen ist eine zwangsneurotische Aktion."

Ist London so hart wie alle sagen?

Das Leben in London ist natürlich schön. Die Multikulturalität ist ja wirklich da, die ist nicht nur philosophisch, auf dem Papier oder konstruiert, sondern wird wirklich gelebt. Es gibt eine Freiheit. Die Freiheit besteht darin, dass man wenig gewertet wird. Diese Freiheit kann sich aber auch umdrehen insofern, dass sie zu Gleichgültigkeit führt. Ich bin immer EU citizen gewesen. Jetzt heiße ich offiziell EU migrant. Das heißt ich bin eine Migrantin. Ich bin vor ein paar Monaten von einer alten Frau angesprochen worden an der Bushaltestelle. Weil ich einen leichten Akzent habe, hat sie gesagt: „Sie sind Ausländerin, arbeiten Sie hier oder bekommen Sie Arbeitslose?“ Daran merkt man, dass die Leute bereits glauben, was die UKIP sagt, nämlich dass die meisten EU migrants – und es bezieht sich eigentlich auf die osteuropäischen EU migrants, das heißt da gibt es noch ein Klassensystem, was sehr brutal ist – hier ohne Arbeit sind und Gelder beziehen. Ich wurde arrogant und habe der Frau geantwortet: „Ich bin Uni-Lehrerin, ich unterrichte Ihre Kinder, verstehen Sie?“ Viele Pensionisten sind UKIP Wähler. Sie haben furchtbare Angst vor dem Fremden, der „Überfremdung“. Auch in London.

Was sagst du einem Menschen, der Angst vor Flüchtlingen hat?

Die Leute sollen doch mal ein bisschen Empathie zeigen.

Du interessierst dich für das philosophische Konzept des Anderen. Wenn wir das Problem des beschränkten Zugangs zu einem anderen Bewusstsein lösen könnten, wäre die Welt dann ein besserer Ort?

Ich glaube mit mehr Empathie wäre die Welt ein besserer Ort. Ich kann das genauso wenig lösen wie alle anderen. Im Zuge meines Doktorats, das Arctificial Territory heißt, arbeite ich unter anderem mit Julia Kristevas Strangers to Ourselvesoder auch mit Nietzsche: „We are strangers to ourselves“. Wenn wir akzeptieren können, dass der Fremde auch in uns selbst ist –  ich sage das jetzt einmal so dogmatisch – dann können wir auch den anderen besser verstehen. Das hieße eigentlich nur, ein bisschen aus sich herauszugehen, aus der eigenen Sicherheit, aus der Festung Ich und aus den vorgegebenen, gelernten Mustern und Vorurteilen.

Gudrun Bielz, Foto: Eva Ellersdorfer-Meissnerová

Das Fremde ist also der Teil in uns, der uns Chancen eröffnet?

Das würde ich sagen. Im Prinzip geht es darum sich mit dem Unbekannten auseinanderzusetzen. Das kann auch ganz banal gemeint sein. Wenn ich zu einem Bäcker gehe, der mir noch nicht bekannt ist, muss ich mich sozial darauf einlassen. Vielleicht weint die Verkäuferin gerade und ich habe die Möglichkeit meine Semmeln zu bestellen oder sie zu fragen warum sie weint, ob es ihr nicht gut geht. Das sind kleine Empathie-Geschichten. Es gibt eine Studie, die besagt, dass wir bei großen Ereignissen wie dem Ertrinken unzähliger Flüchtlinge im Mittelmeer, weniger Empathie zeigen können, weil wir uns vor unserer eigenen Empathie schützen müssen. Ich würde damit nicht übereinstimmen. Wenn es Menschen zu viel wird, wenn sie unter Schock stehen, gibt es – man denke an das Fluchtverhalten bei Tieren –  zwei Reaktionen: flight or freeze. Flucht oder einfrieren, erstarren. Viele Leute frieren emotional und wollen die Katastrophen wegschieben. Das ist ein Fehler. Ich stelle sogar in den Medien eine Empathielosigkeit fest. Und damit meine ich nicht einmal die rechten Zeitungen wie die Daily Mail, sondern den Guardian.

Vielleicht empfindet man aber auch Machtlosigkeit?

Manche ja. Aber, was mich erschreckt, es gibt ein generelles antisoziales Verhalten, das wieder steigt. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen und ich bekomme das erste Mal ein Gefühl für die Zeit der Generation meiner Mutter, diese Vor-Hitler-Zeit, die Zwischenkriegszeit. Ich vermute eine ähnliche Dramatik, Kälte, Gewaltbereitschaft und natürlich den Rechtsruck. In ganz Europa.

Hängt es auch mit der so genannten „Leistungsgesellschaft“ zusammen, dass man andere Menschen als Hindernis wahrnimmt?

Ich glaube es ist neoliberal. Der aus den USA kommende und uns überflutende neoliberale Kapitalismus, bei dem es um Angebot und Nachfrage geht. Du arbeitest wie eine Maschine, damit du konsumieren kannst. In diesem auch ein wenig protestantisch anglo-amerikanischen Modell geht es um eines: Du bist verantwortlich für dein eigenes Glück. Diese Verantwortlichkeit für sich selbst ist natürlich eine ideologische Falle, denn damit kann sich der Staat rechtfertigen sich aus aller Verantwortung zurückzuziehen.

SCHAURAUM Angewandte

Sind aber Grenzerfahrungen an der „Spitze“ nicht notwendig, damit es überhaupt zu Grenzüberschreitungen und damit  zu gesellschaftlicher Entwicklung kommen kann?

Ich arbeite seit 1997 in der Lehre und Forschung und habe gemerkt, dass man sukzessive versucht Arts and Humanities, also die Geisteswissenschaften, zu entmachten. Alles wird auf Science im Sinne von verwertbarer, praktisch anwendbarer Wissenschaft gespult. Der Optimierungsgedanke kommt nicht zuletzt aus den Computerwissenschaften, Diese ganze Idee der Wissenschaftsoptimierung, dass alles immer schneller geht, auch die Paradigmenwechsel, und wir bald eine durch und durch technologisierte Welt sein werden. Manche denken, wenn man diese Progression im Wissen und in der Forschung staatlich auf Universitäten anlegt, kann man auch eine Art wissenschaftliches social engineering betreiben. Das stimmt aber natürlich nicht. Die Ausbildung an den Universitäten wird immer schlechter.

Deine Themen sind groß: Unsterblichkeit, Jenseitsmodelle, Bewusstseinstheorien. Du näherst dich diesen Dingen einerseits wissenschaftlich, andererseits künstlerisch. Wie geht das Hand in Hand?

Unsterblichkeit hat mich schon immer interessiert. Ein spannendes Modell, das aus der Religion kommt. Künstler wollen ja auch unsterblich sein. Es gibt dieses fairy tale, dass man über die Arbeit unsterblich wird.

Das Werk ist größer als der Autor.

Sehr gut.

Oder klüger.

Größer finde ich schöner. Klüger kann auch sein! Ich kenne Leute, die an der Vorfront von Artificial Intelligence und Computing sind. Ich kenne Leute, die neue politische Modelle machen, die mit Transhumanismus zu tun haben. Der Transhumanist Raymond Kurzweil sagt. dassbis 2040/50 die Menschheit obsolet sein wird, weil wir dann alle nicht einmal Hybride sein werden, sondern in irgendeiner Form Maschinen und unser Bewusstsein wird aufgeladen in etwas, das ich The Big Grey Goo nenne – den Großen Grauen Matsch.

Gudrun Bielz, Foto: Eva Ellersdorfer-Meissnerová

Es geht um eine Transzendenzphantasie?

Wie in der Religion, nur wird dafür Wissenschaft bemüht. Diese Leute sprechen auch davon, dass Bewusstsein Information ist, was ein ungeheurer Reduktionismus ist, Aubrey de Grey, der früher an der Cambridge University gearbeitet hat und jetzt die SENS Foundation gegründet hat, arbeitet tatsächlich an der Unsterblichkeit. Longevity – Altersverlängerung. Er hat auch Erfolg, er arbeitet mit der Telemerase und glaubt, dass wir 150 Jahre alt werden können. Er hat eine sehr interessante These aufgestellt, denn er meint Altern sei eine Krankheit. Für mich ist das gesellschaftlich ungeheuer problematisch und wissenschaftlich ungeheuer intelligent, weil man ganz anders forscht. Wenn du Altern als Krankheit siehst, forscht du anders und bekommst andere Forschungsgelder.

Diese Forscher arbeiten an Optimierung, enhancement and modification, was in der Medizin, aber auch im Militär von starkem Interesse ist, wo man versucht einen posthumanen, superhumanen „Übermenschen“ zu schaffen. Ich wollte mich den Forschungsbemühungen über Bewusstseinsmodelle annähern. Diese habe ich in diversen Kunstwerken gefunden: VALIE EXPORTs Unsichtbare Gegner oder Park Chan-Wooks I’m A Cyborg and that’s OK.

Ich habe Modelle mit Bezug auf psychologische Störungen entwickelt: Schizophrenie bei VALIE EXPORT oder delusional disorder bei Chan-Wook. Dann habe ich OCD obsessive-compulsive disorder (Zwangsneurose) als Kategorie eingeführt, weil ich – das ist jetzt wild, aber ich bin ja Künstlerin – all diesen Wissenschaftlern zuschreibe, dass sie zwangsneurotische Tendenzen haben und dass diese Idee von einem Übermenschen eigentlich compulsive, also eine zwangsneurotische Aktion ist.

Ist das Kritik?

Es ist Kritik. Ich bin aber auch Mitglied in all diesen Organisationen. Ich bin Mitglied von Humanity Plus, von Singularity Network und der Transhuman Organisation BlaBla… in Amerika, in Australien, in England. Ich kritisiere, aber ohne destruktiv zu sein. Ich sehe diese Phantasien als Dominanzphantasien. Die Kreation einer neuen Lebensform, eines Übermenschen, das ist doch schrecklich religiös.

Installation im SCHAURAUM Angewandte / Q21

Ein bisschen Gott spielen.

Absolut. Nach der Industriellen Revolution hat es geheißen die Maschine wird uns ersetzen. Die Artificial Intelligence ist ja auch eine Maschine, Der Computer als Maschine. Der Mensch als Maschine ist also ein altes Modell neu aufgewärmt.

In meiner Doktorarbeit kreiere ich einfach einen neuen Kunstraum, der heißt Arctificial Territory, dort kann man spielen, im Sinn dass es dort eine neue Lebensform gibt, die total fehlerhaft ist. Ich versuche das umzudrehen und alles, was in die superhumanity geht, wegzunehmen. Ich habe eine neue Kunstrichtung namens Arctificialism entwickelt. Arctificial ist ein Neologismus aus artificial, artifiziell und arctic, kalt. Ich spiele damit. Meine Kritik ist nicht wissenschaftlich oder moralisch-ethisch mit erhobenem Zeigefinger, sondern ich kritisiere diese Vorgangsweise, indem ich spielerisch etwas entgegen setze und einen neuen Raum gründe. Ich habe auch eine neue Lebensform entwickelt. Die ist natürlich fiktional, es handelt sich um sciene fiction. Die Lebensform heißt Obsessive Compulsive Arctificial Life.

Die Installation, die du im SCHAURAUM Angewandte im Q21 zeigst besteht aus mehreren Teilen. Sound, Video, Skulptur. VALIE EXPORT spricht im Video-Loop zu uns. Was hat sie denn zu sagen?

In diesem Fall macht sie Reklame für die neue Kunstrichtung. Sie sagt „Arctificialism“. Sie ist neben mir die erste Vertreterin dieser neuen Kunstrichtung.

VALIE EXPORT im Video-loop

Interview: Margit Mössmer

Gudrun Bielz: Arctificial Stuff

Installation im SCHAURAUM Angewandte, Electric Avenue

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