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„…die Klänge haben etwas in sich, das mich warnt, oder mir Achtung gebietet“

„…die Klänge haben etwas in sich, das mich warnt, oder mir Achtung gebietet“

Der koreanische Klangkünstler Young-Sup Kim war anlässlich der Ausstellung „Connecting Sound Etc. Cable Works, Cable Sounds, Cables Everywhere“, die Georg Weckwerth im freiraum quartier21 INTERNATIONAL im Rahmen des “MQ Summer of Sounds” realisiert, als Artist-in-Residence zu Gast im quartier21/MQ.
Das quartier21 sprach mit ihm über seine Arbeiten, die häufig mit Bedeutungs- oder Wertzuschreibungen spielen, neue Bedeutungen und Werte entstehen lassen, ohne dass jedoch die ursprünglichen verloren gehen.

q21: Beginnen wir mit einem wichtigen, vielleicht sogar dem wichtigsten, Alltagsgegenstand unserer Zeit. Dem Kabel. Dem Kabel in der Kunst widmete Kurator Georg Weckwerth eine ganze Schau, die im Sommer 2014 im Rahmen des „MQ Summer of Sounds“ im freiraum quartier21 INTERNATIONAL zu sehen war. Welchen Stellenwert hat das Kabel in Deinen Kunstwerken?

Young-Sup Kim: Kabel verbinden meine Ideen und die Klänge.

Welche Ideen sind das und was heißt das, sie verbinden Deine Ideen?

Wenn ich eine Idee für eine Klangskulptur habe, dann benutze ich Klänge und verschiedene andere Materialien, darunter Lautsprecher und natürlich Lautsprecherkabel. Ich denke aber, dass viele Klangkünstler den Lautsprecher für wesentlich wichtiger erachten als das Lautsprecherkabel. Für mich ist das Kabel aber untrennbar von allen anderen technischen Mitteln. Für die Klangkunst ist es ein ganz wesentliches Detail. Ohne Kabel könnten Klänge nicht erklingen. Das ist sehr wesentlich. Aktuell verbinden Kabel den Menschen mit anderen Menschen, den Menschen mit dem Alltag, etc. – sie verbinden wirklich alles… man denke nur an das Internet, den elektrischen Strom. Kabel gibt es überall. Das ist interessant für mich. Zusammengefasst ist das Kabel also ein ganz wichtiger Alltagsgegenstand, unabdingbar in der Klangkunst und sehr wichtig für meine eigene künstlerische Arbeit. Deshalb arbeite ich so viel damit.
Eine zentrale Frage in meiner künstlerischen Arbeit ist immer wieder die Frage nach dem Unterschied zwischen einem Kunst- und einem Alltagsgegenstand. Marcel Duchamp, der Mitbegründer der Konzeptkunst, hat beispielsweise einen ähnlichen Umgang mit Alltagsgegenständen.

Also Du zielst auf die Idee des Ready-mades, bzw. der Objets trouvés ab. Bleiben wir einmal kurz dabei. Was denkst Du ist das entscheidende Moment, dass ein Alltagsgegenstand zum Kunstgegenstand wird?

Gute Frage. So lange ein Alltagsgegenstand auch als solcher genutzt wird, bleibt er einfach ein Alltagsgegenstand. Wenn aber ein Künstler etwas anderes damit macht, ihn in einen anderen Kontext oder Zusammenhang bringt, dann ändert sich die Bedeutung eines Gegenstandes. Nehmen wir das Glas als Beispiel. Wenn ich daraus trinke ist es ein Trinkbehälter, wenn ich aber rauche und das Glas als Aschenbecher benutze, ist es ein Aschenbecher. So gibt es schon zwei Bedeutungen, die sich ändern können. Es hängt von meiner Handlung und meinem Umgang mit dem Gegenstand ab, welche Bedeutung ihm zu Teil wird. Das ist mein künstlerischer Schwerpunkt. Das Spiel mit Bedeutungen.

In welcher Deiner Arbeiten wird denn die Thematik des Bedeutungswechsels besonders deutlich?

Zum Beispiel in meiner Arbeit „Koexistenz“, die aktuell hier in der Ausstellung „Connecting Sound Etc., Cable Works, Cable Sounds, Cables Everywhere“ im freiraum quartier21 INTERNATIONAL ausgestellt wird. Oder aber auch in meiner Arbeit „GULP! GULP! GULP!“. „Gulp“ ist ein onomatopoetisches Wort, das den Klang des Schluckens auf sprachlicher Ebene nachahmt. Für diese Installation habe ich Tassen aus Lautsprecherkabeln gewickelt. Die leeren Tassen fungieren primär als eine Metapher für den Durst der Menschen, sekundär symbolisieren sie ihre unstillbaren Wünsche und Sehnsüchte. Durch die Kombination dieser symbolbehafteten, aber leeren Objekte mit Klickgeräuschen wird uns signalisiert, dass diese Gefäße unsere Bedürfnisse nicht erfüllen können und unsere Wünsche vergeblich sein können. Wichtig in Bezug auf die Klänge ist, dass ich diese für meine Arbeiten nie neu produziere, sondern immer Aufnahmen von Klängen und Geräuschen mache, die bereits vorhanden sind, das heißt auch diese kommen aus dem Alltäglichen.

inter-view 꿈을 묶다 1© Young-Sup Kim

Die Thematisierung der Grenze zwischen Kunst und Alltag ist für Deine Arbeiten also wirklich zentral?

Ja!

Bleiben wir beim Klang als gestalterisches Material in Deinen Arbeiten. Sowohl bei Deiner Arbeit „GULP! GULP! GULP!“, als auch bei „Koexistenz“ bringen die Klänge eine weitere Bedeutungsdimension hinzu. Denn Du könntest ja bei „GULP! GULP! GULP!“ zum Beispiel einfach Trinkgeräusche abspielen…

Nein, ich will keine dazu passenden Klänge abspielen. Sie sollen immer eine weitere Dimension hervorbringen. Wenn ich die Klänge mit Objekten kombiniere, die nicht zu ihnen passen, entsteht wiederum eine neue Bedeutungsebene für das Objekt. Bei „Delicious Meal“  z.B. erklingen Sounds von Computertastaturen… Sie sollen eine Online-Unterhaltung symbolisieren. „Mahl“ bezieht sich in engerem Sinne auf eine Mahlzeit, wie wir sie für gewöhnlich einnehmen. In weiterem Sinne bedeutet ein Mahl aber Begegnung, Dialog, gemeinsame Zeit oder eben das Alltägliche. Also habe ich in dieser Arbeit 20 Teller aus schwarzem Lautsprecherkabel und kleine Lautsprecher auf einer langen Tafel angeordnet wie für ein Mahl. Es sind in diesem Fall die Geräusche, die die Telleranordnung zu einem Symbol für eine Unterhaltung werden lassen, in der die ProtagonistInnen abwesend sind, nur digital miteinander kommunizieren.

Werden die Klänge in Deinen Installationen auch nach kompositorischen Prinzipien arrangiert?

Ja. Häufig steuere ich diese Klänge auch über mehrere Kanäle. Je nach Arbeit und Situation benutze ich einen oder mehr Kanäle.

Koexistenz © Young-Sup Kim, Foto: Eva Ellersdorfer-Meissnerová

Wieviele Kanäle sind es denn bei „Koexistenz“?

Fünf. Aber wenn ich diese Arbeit jetzt in einem größeren Raum arrangiert hätte, hätte ich mehr Soundkanäle verwendet.

Das heißt also, der jeweilige Ausstellungsraum wirkt sich unmittelbar auf die Entwicklung Deiner Arbeiten aus?

Manchmal. Aber ich würde dennoch einen Unterschied machen zwischen tatsächlichen Raumarbeiten, also Klangskulpturen, und Klanginstallationen. Ich mache dann doch eher Klanginstallationen, die unabhängig von einem spezifischen Raum funktionieren. Ich gehe in meinen Arbeiten immer zuerst vom Klang als Objekt aus, suche dann einen Raum und arbeite diesen ein.

Das heißt, unterschiedliche Räume verändern Größe und Anordnung Deiner Klangobjekte?

Genau. Meine Objekte sind so entwickelt, dass ich sie dem Raum anpassen kann.

Interessant. Dein Ausgangspunkt ist also immer das Objekt, nicht wie bei manch anderen Klangkünstlern der Raum. 

Teilweise. Für meine Arbeit „Looking out from the outside“ hatte ich zuerst den Raum, dann habe ich kleine Objekte gebaut und damit die Raumsituation verändert.

Eine Frage allgemein zur Klangkunst: Wie steht es mit der Klangkunst in Korea, gibt es das dort?

Es gibt kaum klangkünstlerische Arbeiten in meinem Herkunftsland. Das ist eher ein europäisches Phänomen.

Womit mag das zusammenhängen?

Ich denke, das liegt am Umgang der KünstlerInnen mit Technologien. Während meines Studiums im Deutschland bei Prof. Christina Kubisch an der HBK Saar habe ich realisiert, dass man in Deutschland mit der Entwicklung von Audiotechnik, wie Lautsprechern, viel weiter ist. Japan ist mit Yamaha beispielsweise ebenfalls Vorreiter auf diesem Gebiet. Deshalb gibt es auch dort sehr viele KlangkünstlerInnen. Die jeweiligen Kunstausformungen sind also abhängig vom technischen Entwicklungsstand eines Landes. Korea holt jetzt erst seit kurzer Zeit in diesen technischen Bereichen auf. In der Kunst scheint das aber noch nicht angekommen zu sein. Ich kenne vielleicht zehn koreanische KlangkünstlerInnen und beobachte, dass sich jüngere KünstlerInnen in Korea eher auf die Malerei konzentrieren, weil sie sich davon erhoffen reich zu werden.

Du selbst hast Dich in Korea ja zunächst auch als Bildender Künstler ausbilden lassen. Wie bist Du zum Klang gekommen?

Gute Frage. In meiner Studienzeit in Korea habe ich über zehn Jahre hinweg hobbymäßig traditionelles koreanisches Schlagwerk gespielt. Das ist meine Verbindung zum Klang. Von dort aus habe ich mich verstärkt am Phänomen Klang interessiert. Mein Professor in Korea hatte in Frankfurt an der Städelschule studiert, so dass er mir während meines Studiums in Korea die verschiedenen Kunstsparten, die unmittelbar mit der Klangkunst zusammenhängen, näher brachte. Das hat mich besonders begeistert und gereizt.

Mittlerweile komponierst Du auch?

Ja. Ich komponiere mit koreanischen Rhythmen aus der traditionellen Schlagzeugmusik, aber ich bin niemand, der große Partituren entwirft und alles genau niederschreibt. Das hat vielleicht mehr mit Improvisation als Komposition zu tun. Ab und zu komponiere ich aber sehr genaue Stücke. Der Unterschied zur europäischen Musik ist, dass koreanische Rhythmen nie ganz konkret sind. Da gibt es immer einen Spielraum, innerhalb dessen improvisiert werden kann. So entsteht ein Spiel mit konkreten, festgelegten Teilen und Zufallselementen.

Bleiben wir bei diesen kulturellen Unterschieden zwischen Europa und Asien, die sich unmittelbar auf die Kunst auswirken, bzw. sich in ihr niederschlagen. Was hast Du für Erfahrungen gemacht, wie beeinflussen sich diese beiden Kulturen gegenseitig, auch in Deiner eigenen künstlerischen Arbeit?

Die europäische und die koreanische Kultur sind wirklich völlig unterschiedlich und anfangs war ich in meinen künstlerischen Arbeiten stärker mit diesen kulturellen Unterschieden konfrontiert. Besonders deutlich wurde das für mich an der Sprache. Ich habe sie früher auch als künstlerisches Mittel eingesetzt. Sobald ich die deutsche Sprache verstand, funktionierte Deutsch für mich als Sprache. Vorher aber war sie, wie jede andere Sprache auch, reines Geräusch für mich. Im Grunde eine simple Sache. Richtig bewusst wurde mir das aber erst, als ich mich während meines Studiums in Deutschland plötzlich in einer völlig anderen Kultur zurecht finden musste und ich erlebte, was diese Kulturunterschiede tatsächlich bedeuten.

Young-Sup Kim mit Hannah Schwegler (quartier21), Foto: Eva Ellersdorfer-Meissnerová

Hängt mit dieser Erfahrung auch zusammen, dass für Dich die Thematisierung und Sichtbarmachung vom Bedeutungswechsel eines Objektes in Deinen künstlerischen Arbeiten zentral ist? Man definiert beispielsweise Musik als Musik, wenn man in einer Abfolge von Klängen eine Ordnung oder Struktur erkennen kann, man definiert Sprache als Sprache sobald sie uns als Mittel zur Kommunikation dient…

Ja, genau. Darauf bezieht sich mein künstlerischer Schwerpunkt. Wenn ich mich nur in Korea ausgebildet hätte, wäre ich auf diese Aspekte nie aufmerksam geworden. So habe ich erkannt, dass alles auch eine andere Bedeutung haben könnte, als die, die wir den Dingen jeweils zuschreiben.

Was bildet also den Ausgangspunkt für Deine Arbeiten? Das Material oder die Idee?

Gute Frage. Das kann ich gar nicht konkret sagen. Es ist beides. Wenn ich eine Idee habe, dann suche ich dafür das passende Material und die passenden Klänge und daraus entwickle ich eine Arbeit. Es kann aber auch sein, dass ich zufällig einen Klang höre oder ein Objekt entdecke und diese mich auf eine Idee bringen.

Was reizt Dich heute, nach all der Beschäftigung am Umgang mit Klängen?

Ganz einfach. Wir sind in unserem Alltag immer von Klängen umgeben. Und weil man sie nicht sehen kann, haben viele Menschen gar kein Bewusstsein dafür, dass wir permanent von ihnen umgeben sind. Sie sind also für viele nicht wirklich greifbar. In meinen Arbeiten nutze ich sie daher häufig dazu, zusätzliche Perspektiven und Bedeutungsebenen zu erwirken. Kombiniere ich ein bestimmtes Objekt mit einem Klang, den man nicht unbedingt mit diesem Objekt in Verbindung bringen würde, entsteht ein Bedeutungswechsel.

Also geht es darum, Klänge „sichtbar“ zu machen?

Sichtbar und denkbar. Ich möchte, dass man in meinen Arbeiten andere Bedeutungszusammenhänge finden kann. Ich denke, das ist allgemein das Ziel von Kunst. Derzeit interessiere ich mich sehr für kontrollierte Klänge. Der Sound einer Ampel kontrolliert uns beispielsweise. Sie signalisiert uns, ob wir die Straße überqueren können oder warten müssen. Alarm, Handyklingeln., etc. gehören ebenfalls dazu.

Gibt es schon eine Arbeit, die sich damit auseinandersetzt?

Ja. „Yellow Balloon“: Zwischen zwei Lautsprechern auf Stativen hängt ein gelber Luftballon. Durch den Druck der Schallwellen, die der Klang aus den Lautsprechern erzeugt, wird der Ballon bewegt. Der Klang ist das dreifache Klopfen des Hämmerchens eines Richters, der den Beteiligten einer Verhandlung damit Stillschweigen signalisiert, sie zur Ordnung aufruft oder aber die Entscheidungsverkündung des Richters ankündigt. Diese Arbeit soll aufzeigen, dass jedes Individuum sich nicht völlig frei außerhalb eines Systems, wie etwa eines Staates oder einer Stadt, etc. bewegen kann.

Yellow Balloon © Young-Sup Kim

Das Spannende daran ist also, dass diese Klänge uns kontrollieren können, weil wir das so gelernt haben. Das ist dasselbe wie mit der Sprache. Wenn ich in einem Land bin, in dem ich die Sprache nicht verstehe, ist das Reden und miteinander Kommunizieren für mich Geräusch. Klangsignale, von denen ich nicht gelernt habe, dass sie Alarm bedeuten, mich warnen, zur Ordnung aufrufen oder mich anweisen an einer Ampel stehenzubleiben, beeinflussen mich nicht.

Ja, richtig. Trotzdem. Auch wenn ich das nicht weiß, haben die Klänge etwas in sich, das mich warnt, oder mir Achtung gebietet.

Interessant!
Vielen Dank.

Interview: Hannah Schwegler
Die Ausstellung Connecting Sound Etc. Cable Works, Cables Sounds, Cables Everywhere ist vom 05.06. bis 24.08.2014 (Di-So 13-19h) im freiraum quartier21 INTERNATIONAL zu sehen.

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