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Tanja Šljivar

Tanja Šljivar

Bereich: Literatur

Key Facts

Nationalität

Bosnien und Herzegowina

Bereich

Literatur

Wohnort

Gießen (GER)

Empfehlende Institution

BMEIA

Zeitraum

Dezember 2015 - Jänner 2016

Geboren in 1988 in Banja Luka, Bosnien und Herzegowina.
BA und MA für Dramaturgie an der Fakultät für Darstellende Kunst, Belgrad, Serbien, 2012, mit der Auszeichnung der besten Studentin ihrer Generation
Zurzeit MA am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, Deutschland, als DAAD Stipendiatin

Workshops in Bosnien, Serbien, Italien und Deutschland, von internationalen Künstlern geleitet (u.a. Hristo Boytchev, Marta Messarozs, Mark Ravenhill, Tena Stivicic)

Teilnahme am Forum junger Autoren Europas am “Neue Stücke aus Europa Festival”, Wiesbaden, 2014

Stipendiatin im IHAG, Graz, Oktober-November 2015

Aufgeführte Werke im Theater, Radio, Film und Performance

Hörspiel anhand von "Laza Kostic’s Tagebuch" (auf Radio Belgrad im Jahr 2009 ausgestrahlt)

Stück "Was kostet die Pastete" (szenische Lesung und Uraufführung in Theater Atelje 212, Belgrad 2012)

Stück "Kratzen oder wie meine Grossmutter sich umgebracht hat" (szenische Lesungen in der Kulturinstitution Parobord, Belgrad (2012), und im Studententheater Atelier in Zagreb, Kroatien (2013) und im Theater  Stefan Jaracz in Olsztyn, Polen(2015) sowie Uraufführung durch eine Co-Produktion zwischen dem Bosnischen Nationaltheater, Zenica, BITEF Theater, Belgrad und Heartefact Fond, Belgrad (2012)

"Something sweet", Drehbuch für den Kurzfilm, gedreht als Teil des Sarajevo City of Film Projekt, Premiere beim Sarajevo Film Festival 2012

"Unlisted" - Dramaturgie für die site-specific Performance, BITEF Festival, Belgrad, 2012

Stück "Wir sind die, vor denen uns unsere Eltern gewarnt haben" (szenische Lesung in der Kultureinrichtung Parobrod, Belgrad, 2014)

"Wir sind nicht sooo... Magdalena", Konzept und Regie, zusammen mit Jana Blöchle, eine Koproduktion von Aktion Mensch, Theaterthikwa, Berlin und dem Institut für Angewandtet Theaterwissenschaft, Gießen 2014

"Aber die Stadt hat uns geschützt", Uraufführung  in Theater Nau Ivanow in Barcelona, Spanien,  2015

"Totgeboren", Uraufführung beim Kurzdramen Festival in Marburg, Deutschland, 2015

Preise:
Slobodan Selenić Preis, für das beste Abschlussstück an der Fakultät für Darstellende Kunst, Belgrad in der Generation 2007-2011
Borislav Mihajlović Mihiz Preis, für die gesamte Bühnenwerke, Irig, 2011
Miodrag Žalica Preis, für das beste aufgeführte Stück am Festival der neuen bosnischen Dramatik in Zenica, 2013
Petar Kočić Preis, für das beste aufgeführte Stück am Theaterfestival in Banjaluka, 2013

Tanja Šljivars Stücke wurden ins Englische, Deutsche, Mazedonische, Polnische, Ungarische, Katalanische und Französische übersetzt, veröffentlicht und szenisch gelesen

Tanja Šljivar

Projektinfo

(Wie alle draufgängerische Mädels tun)

Vor einem Jahr wurde in einer bosnischen Tageszeitung ein Bericht veröffentlicht, der über den Zustand der Reproduktionsgesundheit der Jugendlichen aufklärte. In dem Bericht führte ein Frauenarzt als ein Beispiel für schlechtes, unausgebildetes und führungsloses sexuellen Verhaltens einen rezenten Fall einer Klassenfahrt an, wo sieben dreizehnjährige Mädchen geschwängert wurden. Diese Nachricht wurde zum Skandal und fand Eingang in die Berichterstattung durch internationalen Medien. Mich haben am meisten die anonymen, im Internet veröffentlichten Kommentare fasziniert. Die Kommentare der Frauen waren z.B.: “wtf? die eltern sind nicht informiert? wie haben die den ihre kinder gemacht? die eltern sind mitschuldig. ich verstehe die heutige jugend nicht. mit 13 waren meine prioritäten die schule, die spaziergänge mit meinen freunden und sex hab ich nur im TV gesehen”… Ein Kommentar der Männer war z.B :“diese kleine huren sollten lernen, nicht immer die beine breit zu machen“; für mich ein Beweis, dass die Mädchen als ein Kollektiv betrachtet und beschuldigt werden, samt ihren Famillien. Während die Jungs, die offensichtlich an dem Ereignis auch teilgenommen haben, geschont wurden und man kein Wort über sie verlor.

Mir schwebt ein Stück vor: Kao i sve slobodne djevojke (Wie alle draufgängerische Mädels tun). Ein Stück über die Notwendigkeit, wegzugehen, um die eigene Sexualität realisieren zu können, über die Notwendigkeit, wegzugehen, um über den eigenen Körper entscheiden zu können, über die Notwendigkeit, wegzugehen, um über das eigene Leben entscheiden zu können. In diesem Fall war “weggehen” eine Klassenfahrt. Der Titel des Stücks ist ein Zitat aus der bekannten HBO Serie Girls, erschaffen von Lena Dunham – “like all adventurous woman do“. Das ist mein Ausgangspunkt zur komplexen Thematisierung der weiblichen Sexualität, die ich in meinem literarischen und theatralischen Werk in Wien erarbeiten werde.

Die narrative Struktur des Stückes wird aus vier Teilen (Szenen) bestehen: 1. das Schliessen eines Paktes im Zimmer eines Mädchens in einer Kleinstadt Bosniens, wo alles bunt und beruhigend ist. 2. Schwanger werden in den billigen Hotelzimmern während der Klassenfahrt nach Banja Luka, wo alles rot und unruhig ist. 3. Die Vornahme der Abtreibungen in einem schmutzigen Krankenhaus, wo alles weiß und abstoßend ist. 4. Heim- und Rückkehr in den Alltag, wo alles schwarz und abstoßend ist. Die Rollen sind fast ausschließlich weiblich besetzt; stimmlose Mädchen aus kleinen bosnischen Städten sollen eine Stimme bekommen. Stimmlose, unsichtbare Mädels, die nur via Facebook Instagram, Skype und SMS kommunizieren. Burschen, Lehrer/innen und die Eltern werden nur unregelmäßig im Stück präsent sein und dass auch nur durch kurze online geschriebene Notizen oder kurze, uninteressierte an die Mädchen gerichtete Sätze. Der Charakter jedes einzelnen Mädchens wird offensichtlicher herausgearbeitet als der gruppenspezifische Charakter, auch dadurch, dass die schnellen Dialoge als Chor-Fragmente angelegt sind. Formal gesehen besteht das Stück aus kurzen Dialogen, den langen Monologen und den Internet-Interludien.

Seit längerer Zeit fasziniert mich die Art und Weise, wie junge Frauen aus Bosnien und Herzegowina mit einander reden. Diese Erfahrung kommt auch teilweise zum Ausdruck in meinem Stück Kratzen oder Wie meine Grossmutter sich umgebracht hat, das ich dieser Bewerbung beigefügt habe. Die Sprachweise der Frauen ist geformt durch verschiedenste Einflüsse wie die Umgangsprache von der Straße, dem Internet-Slang, oder auch die Sprache ihrer Mütter. So entsteht eine Entfremdung, wie z.B. das Sprechen über Miley Cirus oder Taylor Swift in einer Sprache, die zum Teil angenommen wurde von der Ausdrucksweise ungebildeter, arbeitsloser, frustrierte Frauen und zum Teil vom chauvinistischen Diskurs der Straße.

In der erste Szene werden sieben Schülerinnen aus einer Grundschule Kaffee und Alkohol trinken, Fleisch und Süßigkeiten essen, rauchen und sich über die Langeweile ihres Leben und den Sex unterhalten. Der vulgäre Sprechweise verändert sich im Laufe des Gesprächs in eine stilisierte Rede. Diese schockiert wegen der Schnelle, der Themen und der offensichtlichen Traurigkeit. Die zwei Mädchen, Ana und Ivana haben schon Sex gehabt und die zwei erzählen ihre Erfahrung den anderen, die sich dann entscheiden, während der Klassenfahrt nach Banja Luka die erste sexuelle Erfahrung zu machen. Auf Facebook wird eine Veranstaltung angekündigt; sie trägt den Titel:“ficken während der Kassenfahrt”.

Die zweite und die dritte Szene sind längere Monologe der Mädchen über die Klassenfahrt und den Sex, über die Stadt, die sie besuchen, über die Clubs in den Kellern, über die sozialistische Hotels in denen sie schlafen, über die Schwangerschaften und die Versuche über Gespräche mit den Jungs und den Eltern, über die Abtreibungen.

Die vierte Szene wird eine stilistische, aber nicht thematische Wiederholung der erster Szene sein. Es gibt ein Wiedersehen mit dem Essen, Trinken, Rauchen im gleichen Zimmer. Die Protagonistinnen sind die sieben Teenagerinnen, deren Leben sind gründlich geändert hat. Sie sind die Opfer der Misogynie, haben aber keine Sprache, sich auszudrücken, sich darüber zu unterhalten. Und so sprechen sie wieder über US-amerikanische und bosnische Popstars, aber mit anderer Schnelligkeit und Weise. Das Ende des Stück muss/wird emanzipatorisch und siegreich sein, auch wenn dies nicht der Realität entsprechen wird. Die Mädchen schließen einen neuen Pakt über ihre Bestrebungen das Patriarchat in Unruhe zu versetzen, indem sie nicht akzeptieren, dass ihre jungen Körper „fremdbestimmt/fremdbeherrscht” sind.

Weiters wird es für mich eine Erfahrung sein, meine eigene Existenz inzwischen drei Sprachen - Serbokroatisch, Deutsch und Englisch zu beobachten und gleichzeitig auch die Existenz der Teenagerinen innerhalb deren Muttersprache. Die Frage der Übersetzung wird ebenfalls im Mittelpunkt des Projekts stehen.

Dokumentation

To write a report on this residency is to write a report on something I might as well denote as “the time of my life”, or better “one of the times of my life”. Capitalist factories are glittering unlike the remnants of the socialist factories - and this is my first impression of Vienna. Actually, as a 13 year old girl my first trip ever to some foreign country was to Vienna, and my first impression of the city was “Lepa Brena” bar. Back then I saw Breugel, I saw Nationalbibliothek, Schönbrunn and Staatsoper and I really thought I am in heaven. Later on, I’ve been able to trace the sources of this heaven partly also in its past in imperialism and its present in capitalism. Back then, when I was as old as the girls from the play I wrote during my residential stay in Vienna, when I was 13 – which is the most beautiful number as one of the girls states in the play, a male tourist guide described to us the Mariahilferstraße as the street through which women need twice as much time as men do to pass through. I wonder if he is still repeating that chauvinist joke on women and shopping during his Viennese tours even in 2016. Now, in 2016, in Vienna, I was provided with a huge working space, and with a huge white working desk in it - perfect to fetishize both my position as the female writer-in residency and the beautiful piece of furniture itself– and all that with a window view to the very Mariahilferstraße. I did buy one coat in one of numerous shops on this street, but usually I was walking pretty fast down it, faster than many men did, for sure. On the first morning of February, when I had my flight back to Germany, I was passing by the capitalist factories again. Even they are not that glittery in the morning, even the capital has to have its rest.  

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