SCORES N°5: CHÁOS

(c) Alain Roux

Date: Wed, Apr 11 2012 - Sun, Apr 15 2012,

SCORES N°5: CHÁOS
Künstlerisch-theoretischer Parcours zu gesellschaftlich-choreografischen
Un-/Ordnungen

Datum: 11.04. bis 15.04.
Ort: Tanzquartier Wien, Semperdepot und dem Außenraum

Ob es das Chaos ist, was unsere Welten zusammenhält?

Seit jeher sind die Regelwerke und Bedingungen, die unserem Zusammenleben zu Grunde liegen, Gegenstand von kontroversen politischen Überlegungen und Modellen, und haben zuletzt in der Debatte um den Zustand der demokratischen Gesellschaften unter dem Einfluss von Terrorismus, rechts-gerichteten und xenophoben Bewegungen erschreckend an Aktualität gewonnen. Unter diesen Eindrücken fordert uns auch die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe auf, den Unterschied zwischen Politik und dem Politischen wieder ernst zu nehmen und das Ziel demokratischer Politik nicht vorschnell in Konsens und Versöhnung, in Empathie, Reziprozität oder Transparenz zu suchen. Vielmehr verweist sie in ihrer Analyse auf die Notwendigkeit der antagonistischen Form und der affektiven Dimension als Grundvoraussetzungen jeder Gemeinschaft und all ihren Verabredungen.

Eben diese Verabredungen und ihre ästhetischen Voraussetzungen, mit und nach denen unsere realen wie imaginierten Gemeinschaften funktionieren, stehen auch im Zentrum von SCORES N°5: CHÁOS. Damit verweisen sie auf die Geschichte der zeitgenössischen Tanz- und Performancekunst, die ihre Zeitgenossenschaft seit jeher in der Auseinandersetzung und der Konfrontation mit ihrem historischen wie gegenwärtigen politischen Umfeld sucht. Wie lassen sich Freiheit und Gleichheit denken, wenn unsere individuellen wie kollektiven Räume und Entscheidungen - gleich dem Chaos (von griechisch χaος (cháos) - Spuren der Verwirrung und der Unordnung markieren; wenn das Streben nach einem gesellschaftlichen, nach einem performativen Vertrag auseinander klaffende Räume eröffnet? Wie lässt sich aus der Heterogenität der Positionen und Erfahrungen und Meinungen Dynamik schaffen, die aus dem Moment der Gegenläufigkeit von Parallelwelten Handlungsfähigkeit entwickelt? Aus dem Momentum des Chaos - als Gegensatz zum Kosmos - Singularität statt Universalität entwirft.

In ihren performativen und diskursiven Arbeiten und Praktiken beschäftigen sich die eingeladenen KünstlerInnen und TheoretikerInnen mit dem Verhältnis von theatralen, sozialen und gesellschaftlichen Prozessen der Bildung und des Scheiterns von Gemeinschaft. Sie überprüfen - anhand unterschiedlicher Konzepte aus den Bereichen der Empathie und der Kinästhesie, der Wissenschaft oder der Technik - unsere Wahrnehmung auf die Möglichkeiten von An-/Teilhabe. In den als Chaos sich zeigenden Interferenzen von Ordnung und Unordnung, von Licht und Dunkel zeigt sich das Choreografische als Praxis des Be-Greifens, als strukturschaffende und -abschaffende Geste, als eine nicht-lineare, multi-polare und disparate Bewegung des Widerstands, die Gesellschaft durchdringt und unsere Utopien und Modelle des Zusammenseins, unsere Verabredungen herausfordert und neu entwirft. Als eine Praxis, die sich in verändernden Konstellationen und Dynamiken entfaltet und der die Spannung von Regulativ und Irregularität, von Gesetz, Gesetztem und Durchlässigem eingeschrieben ist. Mit ihren Arbeiten und Entwürfen fordern uns die eingeladenen KünstlerInnen und TheoretikerInnen auf, den komfortablen Abstand zwischen Bühne und Zuschauern, zwischen Privatem und Öffentlichkeit immer neu aufzugeben und wieder zum Publikum im Sinne eines öffentlich spür- und wirksamen Agenten der Zivilgesellschaft zu werden, der erst recht die ästhetische Distanz reflektiert: Und damit unsere Wahrnehmung und Aufmerksamkeit auch im Sinne Alva Noës als Fähigkeit des Handelns und des Denkens zu begreifen: "Perception is not something that happens to us, or in us. It is something we do."

MIT u.a. Alexandre Achour, Daniel Aschwanden, Badco., Aïcha M'Barek, Laurent Chétouane, CREW, Adriana Cubides, Hafiz Dhaou, Jefta van Dinther, Sybrig Dokter, Brigitte Felderer, Alain Franco, Katharina Greimel, Michael Hagner, Anna Huber, Margarete Jahrmann, Miriam Jakob, Eric Joris, David Kiers, Ivan Krastev, Barbara Kraus, les gens d'Uterpan, Ellinor Ljungkvist, Anna Laura Lozza, Lee Meir, noid, Paz Rojo, Eszter Salamon, Annegret Schalke, Peter Stamer, Minna Tiikkainen, Johanne Timm, Kat Valastur, Anatoli Vlassov und Frank Willens.


Festival-Programm im Überblick:

Training mit Ali von Stein (D) / Krisana Locke (AUS/D)
Aktive Mediatation
Di 10. bis Sa 14.04.
10.45-12.45h in TQW / Studios

Workshop mit Peter Stamer (D)
Der Unfall der Darstellung
Do 12. bis Sa 14.04.
13.30-16.30h in TQW / Studios

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Annie Vigier (F) / Franck Apertet (F) / Les Gens D'Uterpan
Topologie (Österreichische Erstaufführung)
05. bis 14.04. im Stadtraum
Referenzort in den TQW / Studios

Interaktive Performance
CREW (BE)
C.A.P.E (Österreichische Erstaufführung)
Mi 11. bis Sa 14.04.
13-18h im MQ Haupthof

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Mi 11.04.

Einführung & Welcome zu SCORES N°5: CHÁOS
18h in TQW / Studios

Performance
Peter Stamer (D) / Sybrig Dokter (SWE) / Frank Willens (USA/D)
For Your Eyes Only (Österreichische Erstaufführung)
18.30h in TQW / Studios

Performance
Eszter Salamon (HU)
Tales of the Bodiless
Musikalische Fiction ohne Science
20.30h in TQW / Halle G

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Do 12.04.

Two lectures and a dialogue
Michael Hagner (D) Wissenschaft und Demokratie
& Laurent Chétouane (F/D) Demokratie und Tanz
18h in TQW / Studios

Performances
Song Books
Choreografisches Projekt zu Scores von John Cage
20.30h in Semperdepot / Prospekthof

Lecture
Alain Franco (BE)
Composing out of the centre
22h in Semperdepot / Prospekthof

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Fr 13.04.

Two lectures and a dialogue
Brigitte Felderer (A) / Margarete Jahrmann (A) Play and Prosume
& Eric Joris (BE)
16h in TQW / Studios

Danced conference
Anatoli Vlassov (RU/F)
Outside In - a danced conference (Österreichische Erstaufführung)
18h in TQW / Studios

Performance
Hafiz Dhaou (TU) / Aicha M'Barek (TU)
Do you believe me? (Österreichische Erstaufführung)
20h in Foyer / Halle G

Performance
Jefta van Dinther (SE/NL) / Minna Tiikkainen (FIN/NL) / David Kiers (NL)
GRIND (Österreichische Erstaufführung)
20.30h in TQW / Halle G

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Sa 14.04.

Praxis-Experiment
Adriana Cubides (A/COL)
Experiment vol.1: Collective performance-practice
14h in TQW / Studios

Lecture
Ivan Krastev (BG)
Is It Tomorrow, Yet?
Visualization of Politics and the Crisis of the Democratic Institutions

16h in TQW / Studios

Lecture Performance
Paz Rojo (ES)
"I don't like community in the same way I hate contact improvisation"
17.30h in TQW / Studios

Discussion
Les Gens D'Uterpan & Daniel Aschwanden (CH/A)
Gespräch im Kontext von Topologie
19h in TQW / Studios

Performance
BADco. (HR)
Black and Forth (Österreichische Erstaufführung)
20.30h in TQW / Halle G

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So 15.04.

Outdoor / Aufbruchperformance
Barbara Kraus (A)
about leaving
9.30h Treffpunkt: Parkplatz Kahlenbergerdorf


www.tqw.at