Algorithmen für eine gerechtere Ökonomie

Im Rahmen der Reihe Die ProjektmacherInnen: Szenen des Entwerfens werden am Sonntag, 20.09. ab 20.30 Uhr die Brüder Ralph und Stefan Heidenreich vor Publikum im MuseumsQuartier ihr Projekt Postmonetäre Ökonomie: Welt ohne Geld diskutieren. Außerdem werden die Experten Gerald Nestler, Ramón Reichert und Felix Stalder aus Wien am Abend zu Wort kommen. Ist eine Welt ohne Geld überhaupt denkbar? Im Interview sprechen die Brüder Heidenreich über geldlose Formen des Austausches und die Chancen, die das digitale Zeitalter für eine gerechtere Ökonomie bietet.

  • Ralph Heidenreich, Stefan HeidenreichRalph Heidenreich, Stefan Heidenreich

 

In ihrem Text „Mehr Geld“ haben sie 2008 die gegenwärtige Finanzkrise bereits vorausgesagt und die Gründe dafür analysiert. Derzeit beschäftigen sie sich mit der Frage nach einer postmonetären Ökonomie. Nun ist die Utopie per definitionem ein vorwiegend unausführbarer Plan. Wo sehen sie die Chance beim Rückgriff auf Utopien zur Lösung gegenwärtiger Krisen?

Ralph und Stefan Heidenreich: Utopien helfen, andere Möglichkeiten der Ökonomie und des Zusammenlebens zu imaginieren. Ihr Zweck ist erst einmal nicht, gegenwärtige Krisen zu lösen. Sondern die Frage nach dem Sinn der Ökonomie unbefangen zu stellen und ohne Vorgaben zu beantworten. Wenn es also darum geht, Güter und Arbeiten für alle gut zu verteilen, bieten Netzwerke und Algorithmen vermutlich bessere Lösungen als die gegenwärtige Vermittlung durch das Geld. Dabei geht es nicht um die Ausführung eines Plans, sondern um den Entwurf eines Ziels.

Was wäre der erste Schritt, wenn man tatsächlich das Geld abschaffen
würde?

Ralph und Stefan Heidenreich: Der erste Schritt ist der, die Gabe an die Stelle des Tausches zu setzen. Also Transaktionen asymmetrisch zu notieren, und nicht symmetrisch zu halten, wie beim Kauf oder Tausch. Tatsächlich sind wir längst auf dem Weg, geldlose Formen des Austausches und des Teilens zu erproben, allerdings meistens noch unterm Regime des Geldes. Unserer Einschätzung zufolge könnte eine geldlose Ökonomie am ehesten unter Gamern oder im digitalen Präkariat entstehen – und sich von dort aus ausbreiten.

Für ihr Projekt werden sie die Meinungen von ExpertInnen einholen. In einer der Fragen, die sie stellen, erwähnen sie den Algorithmus als Verteilungsinstrument von Arbeit und Gütern. Wer würde diesen Algorithmus programmieren?

Ralph und Stefan Heidenreich: Es gibt ja nicht nur einen Algorithmus, sondern sehr viele mögliche Verfahren. Und die werden ganz im Sinn des Austausches auf offenen Plattformen von vielen Programmierern erstellt. Ein argentinischer Programmierer, Sebastian Uribe, der mich nach einem Vortrag angesprochen hat, arbeitet bereits an einer App. Sie wird erst einmal die Funktion haben, ein Netzwerk wechselseitigen Gebens aufzubauen.

Ist das Projektemachen die ideale Arbeitsform der Zukunft? Oder sind
institutionalisierte Arbeitsformen wie die Lohnarbeit nach wie vor die bessere Lösung für eine gerechte Ökonomie?

Ralph und Stefan Heidenreich: Mittlerweile gibt es ja auch in größeren Firmen, vor allem wenn sie mit digitaler Ökonomie zu tun haben, Bestrebungen, die strikte, stundenbasierte Lohnarbeit durch aufgabenbezogene Organisation zu ersetzen. Wobei das die Lage der Arbeiter nicht unbedingt verbessern hilft. Die Zwiespältigkeit betrifft im Übrigen das ganze Projekt: es besteht immer die Gefahr, dass algorithmische Verfahren in politisch sehr unschöne Daten-Regimes umschlagen.

SO, 20.09.2015, 20.30h

Ort: Arena21 im MuseumsQuartier Wien

www.dieprojektemacherinnen.at

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