Die Körperinterventionen des Bart Hess
Im Freiraum im quartier21 des Wiener Museumsquartiers ist die Hölle los: Draußen sommerliche Temperaturen, drinnen dank des regen Besucherandrangs auch. Während einen Steinwurf weit entfernt im mumok die Ausstellung „Reflecting fashion“ eröffnet und mit einer Fortsetzung der ewigen Lovestory „Kunst und Mode“ im Ausstellungskontext aufwartet, kommt die kleine Präsentation „Technosensual“ – where fashion meets technology - futuristisch daher: Wie zu erwarten blinkt und leuchtet es von allerlei drapierten Kleidungsstücken hinab, der Eindhovener Designer Bart Hess, ist auf seine Performance „Liquified“ konzentriert: Regungslos sitzt ein männlicher Körper, der mit einer schwarzen Glibbermasse überzogen ist, in einer der Fensternischen des Ausstellungsraumes im quartier21.
Wer aber ist eigentlich Bart Hess?
Der Endzwanziger hat bereits ein illustres Portfolio irgendwo zwischen Mode, Design, Fotografie und Kunst zu bieten. Für Lady Gaga gestaltete er ein faszinierend-glitschiges Musik-Cover, mit Nick Knight arbeitete er für die amerikanische Vogue und das Another Magazine.
Das klingt aus modischer Perspektive recht glamourös, doch während ich mit Hess in seinem temporären Wiener Zuhause, einem Appartement des Artist-in-Residence-Programmes im Museumsquartier sitze, ist Lady Gaga erst einmal ganz weit weg. Bart Hess ist zu diesem Zeitpunkt noch mit der Suche nach einem männlichen Modell für seine Performance beschäftigt, erstmals arbeitet er nämlich mit einer ihm unbekannten Person zusammen. Ob er sich auch vorstellen könnte, die Performance mit einer Frau zu machen? Eine Schleimperformance mit einer Frau wäre eine komplett andere Geschichte, winkt Hess ab.
An der Designakademie Eindhoven machte er 2007 am „Man and Identity Departement“ seinen Abschluss. Und heute? Ist er jemand, der sich zwischen den unterschiedlichsten Disziplinen bewegt. Er möchte sich nicht gerne festlegen lassen, denn das „dazwischen“, das mache ihm am meisten Spaß – auch wenn er merke, dass es Außenstehenden schwer falle, dass er mit keiner fixen Bezeichnung zu fassen sei: „Ich fotografiere, bin aber kein Fotograf, ich style, bin aber kein Stylist.“ Von seiner Ausbildung her würde er sich noch am ehesten als Designer bezeichnen.
Doch wie ging es los bei ihm, dem Mann, der so gerne zwischen den Stühlen sitzt? „Nach meinem Abschluss habe ich mit Lucy McRae das Projekt „LucyAndBart“ gestartet – einfach, um ein wenig herumzuspielen und auszuprobieren. Wir haben dann ein Blog gestartet, das immer bekannter wurde.“ So lernte man dann irgendwann Nick Knight kennen. Das Blog existiert noch immer, zu sehen sind Lucy und Bart, mit rosa und grün gefärbten Schaumflocken am Körper, dann immer wieder Kostüme, hergestellt aus banalem Alltagsmaterialien: Schlappe bunte Luftballons werden zu einem schuppigen Körperkleid, Textilwulste verhelfen einem schlanken Männerkörper zu den Maßen eines Sumoringers.
Die Materialien habe man sich im Supermarkt besorgt, erklärt Bart und grinst. Und: Wenn unerwartete Dinge passieren, seien das in der Regel die interessantesten Experimente.
Dabei hat er die Verwandlung des meist männlichen Körpers mittels banalen wie alltäglichen Materials in Körperkunstwerke immer wieder durchgespielt. In seiner Videoarbeit „Extraordinary Gentlemen“, einer Zusammenarbeit mit Nick Knight und dem Showstudio, wird aus einer Heerschar einfacher Zahnstocher, auf einer nackten Männerbrust angebracht, so was wie ein Haarkleid, ein andermal wird mittels Luftballons der Körper des Models zu einem kunstvoll aufgeblasenen, vor dem Kameraauge herumtänzelden Muskelprotz.
Zu verstörend sind die Körperinterventionen des Bart Hess aber ganz sicher nicht, dafür fügen sie sich aber als besonderer Hingucker in Modestrecken oder Videofilme ein.
Dabei beharrt Bart Hess ganz sicher nicht nur auf bewährte Materialien: „Ich komme immer mehr von der Verwendung von Alltagsgegenständen weg und verwende zunehmend spezielle Silikone und Metalle.“ Er geht dabei nicht nach Gebrauchsanleitungen vor, sondern probiert einfach aus. Im Moment hat Hess eine Vorliebe für dynamische Materialien, deren Zustand er verändern kann, sowie Flüssigkeiten, die mittels technischer Hilfsmittel gefrieren.
„Ich arbeite gerade mit einem Silikon, das in Hollywoodfilmen gerne für die Herstellung von Masken benutzt wird – wie beispielsweise für die Masken der Orks in der Verfilmung der Herr der Ringe-Saga. Wenn diese Materialien gefroren werden, ergibt das einen Oberflächeneffekt, der einen aufgrund seiner Uneindeutigkeit gruseln lässt“ erklärt er die Faszination für sein Experimentieren mit immer neuen Materialien.
Insbesondere im Modekontext hat Bart Hess mit seiner Experimentierfreude auf sich aufmerksam gemacht und immer wieder auch mit Modedesignern zusammengearbeitet – angefangen mit seinem Praktikum bei Walter Van Beirendonck in Antwerpen, dann als Spezialist für besondere Kooperationen: Die schwedische Modedesignerin Ann Sofie Back beauftragte ihn 2011 anlässlich des zehnten Geburtstages ihres Labels mit der Entwicklung eines Seiden-Silikonmixes für ein Kleid im „Wet Look-Effekt“.
Und da für Bart Hess die besten Kooperationen die sind, die immer wieder aufgegriffen werden, können wir uns demnächst gefasst machen auf eine weitere Zusammenarbeit mit einem Modedesigner, der vielleicht auch Walter Van Beirendonck heißt.
Text: Anne Feldkamp lebt als Modejournalistin und Kunsthistorikerin in Wien. Mehr zu lesen von ihr gibt es auf ihrem Modeblog Blica.
Foto 1: Performance zur Eröffnung der Technosensual Ausstellung, (c) Jürgen Hammerschmid
Foto 2: (c) LucyAndBart
Foto 3: Slime Art (c) Bart Hess
Foto 4: Wet Look Textil für Ann Sofie Back 2011



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