Die Wiener Modemacherin Susanne Bisovsky ist als Wiederentdeckerin anderer Zeiten, Orte und Kulturen bekannt: Sie bedient sich althergebrachten Wissens, regionaler Trachten und Traditionen, um im Prozess des Rekombinierens und Zitierens in jahrelanger Handarbeit neue Stoff-Kunstwerke entstehen zu lassen. Noch bis zum 6.Jänner 2013 ist ihre Kollektion Frida, photographiert von W. Zajc und Atelier Olschinsky, in der öffentlichen Gallerie der Kunsthalle Wien project wall zu sehen.*
Angesichts des Mainstreams, der oftmals sowohl gleichmachend als auch geschmacklos erscheint, wirken Ihre Arbeiten wie eine Gegenstrategie zur allgegenwärtigen Uniformität. Woraus resultiert diese Haltung?
Der momentane Mainstream ist Ausdruck einer mehr oder weniger verwirrten Gesellschaft. Daran war ich nie interessiert und so wirkt meine Arbeit scheinbar automatisch wie ein Gegenentwurf. Man müßte auch zwischen Mainstream und Uniformität unterscheiden. In gewisser Weise ist auch das Uniforme interessant, weil es manchmal eine ansprechende Ästhetik vermitteln kann. Auf Photographien um 1900 sieht man Männer in durchwegs dunklen Anzügen und mit Hut, Handschuhen und Stock. Dieses Bild beruhigt mich. Heute gibt es zwar scheinbar alles und jede Menge Lifestyle, aber die Wenigsten haben Stil und können diesen exerzieren.
Die Kunsthalle Wien zeigt bis Jänner 2013 ihre photographischen Arbeiten, die sich unter anderem mit der mexikanischen Malerin Frida Kahlo auseinandersezten. Wie gehen Sie mit der Darstellung und Repräsentation von Geschlecht durch Mode um?
Die Frage stellt sich so nicht. Ich verändere mein Geschlecht nicht, indem ich Männerkleider trage. Wenn Frida Kahlo einen Männeranzug trägt, macht sie das nicht zum Mann, sondern letztlich als Frau zusätzlich bemerkenswert . Am besten man entscheidet sich, einen gewissen eigenen Stil zu entwickeln, dann tappt man gar nicht in die “Geschlechterfrage-Falle”. Ich jedenfalls denke solange in den Kategorien Mann und Frau, bis neue Geschlechter entstanden sind, dann werde ich mir zu gegebener Zeit den Kopf zerbrechen.
Sie verfügen über ein Archiv, dass Sie während der letzten 15 Jahre gemeinsam mit Joseph Gerger angelegt haben…
Es geht darum, eine Arbeitsgrundlage zu schaffen. Vorsätzlich wurde nie Gewand gesammelt. Das Archiv besteht sowohl aus Hard-, als auch aus Software. Die Hardware ist aber kein lebloses Lager, sonder ein Fundus an Kleidungsstücken, der über die Jahre bearbeitet wird. Die Software jedoch ist genauso wichtig. Da existiert eine ganze Anzahl von heute scheinbar “überholten” Techniken. Nehmen wir vergessene Begriffe wie Schonen, Flicken, Repassieren. Das ist heute komplett aus der Mode gekommen! Aber da wird es erst wirklich spannend.
In sogenannten Salons Privés bestehend aus Salon, Atelier und Herrenzimmer präsentieren Sie einer ausgewählten Kundschaft ihre Entwürfe. Können Sie das Konzept genauer erklären? Wie ist die Idee entstanden?
Das Konzept ist einfach. Wenn man Menschen bekleiden möchte, dann muß man sie als Person erkennen, um sie beraten zu können. Natürlich sieht man in jeglichem Medium, daß heute Alle alles wissen und das jetzt gleich sofort beweisen können, indem sie kreuz und quer schoppen. Dabei ist persönlicher Kundenkontakt das Gebot der Stunde. Die meisten Kundinnen kaufen aus tieferer Überzeugung, wenn sie die Kombination sehen, wenn sie die richtige Proportion an sich erkennen. Beim Schoppen kauft man Klischées, und nicht, was zu einem paßt. Da liegt eines der großen Probleme.
Welche Rolle spielen Räume, reale oder virtuell, Landschaften, persönliche Umgebeung, etc. in Ihrer Arbeit?
Was ich gerne mache ist, mir Landschaften oder Völker im Fernsehen kompakt erfassbar anzusehen. Wenn ich reisen muß, ist es mir oft zu heiß, zu kalt oder auch zu anstrengend.
Es gibt nur einen realen Raum, der ist hier und in mir. Das Virtuelle dient der Arbeitsplatz-beschaffung und hat sonst keinen sinnlichen Wert für mich, geschweige denn für meine Arbeit.
Sie zeichnen sich für die Kleidung der MitarbeiterInnen des Österreich-Pavillon auf der Expo 2010 in Shanghai verantwortlich. Welche Herausforderungen birgt die Aufgabe, ein Land in Form eines Gewandes darzustellen?
Im Grunde ist es nicht schwierig, nur die verantwortlichen Gremien sind eine Hürde. Auch wenn am Papier noch so international gedacht und konzipiert wird, bei Länderpräsentationen kommen dann meist die ewig wiedergekäuten Klischées und Interessen an die Oberfläche. Da muß dann Lederhose und Dirndl her (welche burgenländische Kroaten, Weinbauern, Bauern außerhalb des bajuwarischen Einflußgebietes uvam. bekanntlich sowieso nicht tragen. Zudem existiert D&L auch in Deutschland und in der Schweiz, es wäre somit also gar nicht österreichspezifisch). In Shanghai ist uns dann mit einem Strickkleid mit Trompe l´oeil-Schürze ein ansprechendes Produkt gelungen. Dennoch, das offizielle “Österreich” müßte viel mehr nachdenken, was es ist, was es sein will. Das in letzter Zeit propagierte Nation-Branding halte ich leider für den falschen Weg. Sein muß von unten und innen kommen, nicht von der Kuratorenschaft und den Konzeptionisten. Dann brauchen wir vielleicht nicht immer wieder Klischées, und seien es neue.
Nach verschiedenen Stationen im Ausland, u.a. in Paris bei J.Ch.Castelbajac oder Kathleen Madden, arbeiten Sie zur Zeit in Wien. Lässt sich eine Gewandsprache, die typisch für die Stadt Wien ist, feststellen?
Die Gewandbild Wiens könnte genausogut das von Berlin oder Bratislava sein. Mir fallen konkret zu Wien eigentlich nur wenige elegante, ältere Damen ein, ein paar Wiener “Ladies”, die ich (dann doch) nicht photographiere. Ich bewundere sie, unterhalte mich mit ihnen, manche kommen zu den Salons. Doch diese meine Ladies werden bald verschwunden sein.
Gewand zu tragen geht einher mit einer inneren Einstellung und letztlich auch mit dem Benehmen, das man an den Tag legt. Das mag jetzt sehr konservativ klingen. Aber ich arbeite schon lange an der charmanten jungen Wienerin, an einem “Wiener Chic”, inspiriert aus einem Bauchgefühl. Vielleicht ist das aber auch nur (m)ein imaginiertes Wien.
*Alle Antworten wurden auf Wunsch im Original veröffentlicht.
Erstveröffentlichung im Onlinemagazin TRANZIT PAPER. Fotos (c) Carmen Rüter